Korsetttherapie bei Kindern.

Wirkungsvolle Therapieform bei Skoliose.

Korsett klingt für viele Kinder schrecklich, unbequem, auffällig und lästig. Trotzdem: ein Korsett ist bei Skoliose die wirkungsvollste Therapieform. Es rückt die Wirbelsäule wieder zurecht und kann dafür sorgen, dass später im Erwachsenenleben, wenn die Krümmung sich rausgewachsen hat, keine Beschwerden auftreten – ganz ohne Operation. In der Schön Klinik Vogtareuth macht man sehr gute Erfahrungen mit einer hochmodernen Korsettform. Ein Gespräch mit Chefarzt Professor Dr. Cornelius Wimmer.

 

Wann spricht man von einer Skoliose?

Prof. Wimmer: Von einer Skoliose sprechen wir bei einer Krümmung der Wirbelsäule von mindestens zehn Grad. Außerdem muss eine Rotation, also eine Drehung im Bereich der Wirbelsäule vorliegen. Manchmal schicken uns Kinderärzte Kinder mit einer Krümmung von sieben Grad und erklären, das sei eine Skoliose. Dabei handelt es sich meistens um eine skoliotische Fehlhaltung, die mit Physiotherapie gut behandelt werden kann.

 

Was ist bei Kindern besonders zu bedenken?

Prof. Wimmer: Kinder wachsen. Wenn ein Kind mit sechs Jahren eine Skoliose von 15 Grad hat, dann liegt das Wachstum noch vor ihm. Hier müssen wir davon ausgehen, dass die Krümmung zunimmt. Beim Erwachsenen haben wir es eher mit degenerativen Formen zu tun, bei Kindern gibt es unterschiedliche Krankheitsformen. Die Idiopathische Skoliose ist eine S-förmige Seitverbiegung, Mädchen sind deutlich häufiger betroffen. Warum das so ist, weiß man nicht. Außerdem gibt es die angeborene Skoliose und neuropathische Krankheitsformen – also einen Defekt im Nervensystem oder eine Muskelatrophie.

 

Bei welcher Krankheitsform ist eine Korsett-Therapie sinnvoll?

Prof. Wimmer: Bei Idiopathischen Skoliosen ab 20 Grad, wenn noch ein Wachstum von mindestens anderthalb bis zwei Jahren zu erwarten ist. Das therapeutische Fenster liegt zwischen 20 und 35 Grad. Größere Krümmungen müssen meist operiert werden.
Wenn ein Fünfjähriger eine Krümmung von 15 Grad hat und wir sehen eine Zunahme, bekommt er ein Korsett. Wenn ein Mädchen 15 Jahre alt ist, ihre erste Regelblutung vor wenigen Monaten hatte und einen Wirbelsäulenwinkel von 23 Grad hat, bekommt sie auch ein Korsett. Nach der ersten Regelblutung wächst die Wirbelsäule noch etwa zweieinhalb Jahre. Bei einer 16-Jährigen, die ihre erste Regelblutung mit elf hatte, ist eine wachstumslenkende Therapie nicht mehr sinnvoll.

 

Wie wirkt so ein Korsett?

Prof. Wimmer: Ein modernes Korsett wie das modifizierte Chêneau-Korsett, mit dem wir arbeiten, korrigiert die Wirbelsäule in allen drei Dimensionen. Die S-Krümmung wird aufgerichtet und gleichzeitig korrigiert das Korsett die Rotation. Die Wirbelsäule wird also „entkrümmt“ und „entdreht“. Kinder sind sehr flexibel, deshalb ist dies auch möglich. Das Korsett wirkt zusätzlich als Schienung bei der wachstumslenkenden Therapie. Wie ein Gips beim Beinbruch, nur ist das beim Rumpf ungleich komplexer.

 

Stört es nicht, wenn man den ganzen Tag ein Korsett tragen muss?

Prof. Wimmer: Das Korsett schränkt die Beweglichkeit stark ein. Es ist meist eine große Belastung, wenn es in der Schule getragen werden muss. Die Jugendlichen werden ständig in die Aufrichtung gedrückt. Außerdem schämen sie sich wenn sie von Mitschülern gehänselt werden. Deswegen haben wir untersucht, ob es notwendig ist, das Korsett auch in der Schule zu tragen. Früher ging man davon aus, dass ein Korsett 23 Stunden am Tag getragen werden muss. Tatsächlich reichen 17 Stunden täglich, wenn man zusätzlich mit physikalischer Therapie und Sport arbeitet. Die drei Bausteine greifen gut ineinander, außerdem wird das Korsett stundenweise antherapiert. Kein Mensch kann mit 17 Stunden am Tag anfangen. Das Tragen in der Nacht üben die Patienten am Wochenende weil sie anfangs oft unter Schlafstörungen leiden. Wenn es aber bereits acht Stunden in der Nacht getragen wird, bleiben für den Tag nur noch neun Stunden übrig. Es darf also für die Schulzeit zu Hause gelassen werden.

 

Wie lange dauert eine Korsetttherapie?

Prof. Wimmer: Bis das Wachstum der Wirbelsäule abgeschlossen ist. Wenn Kinder mit 14 Jahren kommen, tragen sie das Korsett im Schnitt drei bis vier Jahre.

 

Müssen die Kinder eigentlich auf ihre Linie achten?

Prof. Wimmer: Ich rate immer zu einer ausgewogenen Ernährung. Übergewicht erhöht die Belastung für den Rücken. Außerdem sitzt das Korsett dann nicht präzise. Dass ein Kind so stark zunimmt, dass das Korsett nicht mehr passt, ist in meiner Praxis noch nie vorgekommen. Die Kinder wachsen eher raus, normalerweise hält ein Korsett maximal ein Jahr.

 

Wie wichtig ist Sport?

Prof. Wimmer: Es kommt auf den Sport an. Sprungsportarten, zum Beispiel Trampolinspringen, sind nicht geeignet. Bei jedem Sprung wird die Wirbelsäule gestaucht. Schwimmen und Klettern sind sehr zu empfehlen. Beim Rückenschwimmen und Kraulen wird die Rumpfmuskulatur trainiert. Das kräftigt die Wirbelsäule, sie arbeiten also direkt der Krümmung entgegen. Beim Klettern werden verkürzte Muskeln gefordert. Bei Krümmungen gibt es immer Probleme mit verkürzten Muskeln, das kann durch Klettern ausgleichen werden.  Es gibt eine Menge Studien über das Klettern mit Wirbelsäulenerkrankungen, Klettern gibt es sogar auf Rezept.

 

Spannend! Haben Sie weitere Tipps für Jugendliche?

Prof. Wimmer: Manche Jugendliche haben wirklich Probleme. Bei einer Krümmung von 30 Grad sieht man den Schulterschiefstand, den Rippenbuckel und die Asymmetrie in den Taillendreiecken. Sie fühlen sich entstellt und versuchen das zu verbergen. Mädchen tragen weite Kleidung und lange Haare, sie schämen sich schwimmen zu gehen. Wir empfehlen ihnen, darüber zu sprechen. In der Schule halten die Kinder und Jugendlichen oft Referate über Ihre Erkrankung. Manche Kinder tragen das Korsett extrem widerwillig, dann arbeite ich mit einem Tape. Sie sind dann aufgerichtet und nicht so stark eingeschränkt. Ein Tape sieht außerdem in den bunten Farben cool aus, das kennen die Kids von Profisportlern. Das ist aber nur sinnvoll, wenn die Krümmung flexibel ist und bis 30 Grad geht.
Viele meiner jungen Patienten denken leider, sie seien behindert, da sie ein Korsett brauchen. Das stimmt natürlich nicht. Das Korsett ist ein wirkungsvolles Hilfsmittel für eine Lenkung der Wirbelsäule. Der eine braucht ein Korsett, der andere eine Brille und der nächste eine Zahnspange.

 

Diagnostik, Therapie & OP

Von Korsettherapie bis OP: Für die Behandlung einer Skoliose kommen verschiedene konservative und operative Maßnahmen in Frage.

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Diese Kliniken und Krankenhäuser sind auf die Behandlung von Skoliose und Fehlstellungen der Wirbelsäule spezialisiert.

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