Haltungsschwächen bei Kindern.

Muss mein daherschlurfender Pubertätsjüngling mit seinen hängenden Schultern schon in ärztliche Behandlung oder wächst sich das aus? Hat meine kesse Grundschülerin bereits ein Hohlkreuz oder ist die Haltung mit stolz geschwellter Brust nur die Nachwirkung der Wahl zur Klassensprecherin? – Fragen, die sich Eltern mit Blick auf die Haltung und den Rücken ihrer Kinder und Teenager häufig stellen. Schließlich sitzen sie alle so viel und bewegen sich so wenig ...

Ein Blick in die Zeitung suggeriert zudem, dass es heutzutage wirklich schlimm um die Rücken der Jüngsten steht. Und wer täglich liest, dass Kinder immer dicker und unkonzentrierter werden, motorisch unterentwickelt, computersüchtig und bucklig sind, macht sich natürlich Sorgen. Aber: „Alles halb so wild,“ beruhigt Dr. Sean Nader, Chefarzt der Kinderorthopädie in der Schön Klinik Vogtareuth. Haltungsschäden nehmen zwar zu, aber mit ein wenig mehr Bewegung und dabei verringertem Medienkonsum lassen sich Haltungsschäden im Kindes- und Jugendalter noch sehr gut beheben.

 

Fehlhaltungen – wenn Kinder zu viel sitzen.

Neun Stunden sitzen Kinder durchschnittlich am Tag.

Neun Stunden sitzen Kinder durchschnittlich am Tag.

Neun Stunden pro Tag sitzen Schüler in Deutschland im Durchschnitt – in der Schule, im Auto, beim Essen, beim Lernen, vor dem Fernseher oder dem Computer. Eine nach vorne gebeugte Haltung mit hängenden Schultern und schmerzendem Nacken ist deshalb auch bereits bei vielen Schulkindern zu beobachten. Ein Problem stellt sich häufig aber erst, wenn es keinen Ausgleich in der Freizeit gibt. Wenn der Sprössling viel sitzt, zwischendurch aber zum Fußball- oder Schwimmtraining geht oder mit dem Fahrrad zur Schule fährt, bekommt der Rücken die Bewegung, die er braucht. Bleibt Bewegung aus, bildet sich die Muskulatur zurück, Bänder verkürzen sich es kommt zu Wirbelsäulen- und Haltungsproblemen. Eine Muskulatur, die nicht gefordert wird, kann ihre Aufgaben irgendwann nicht mehr erfüllen – der Körper sackt dann zusammen. Und Eltern erschrecken.

 

Was ist eine Fehlhaltung?

Medizinisch betrachtet ist jede Haltung, die nicht der Norm entspricht, eine Fehlhaltung. „Wenn die Wirbelsäule also zu gerade oder zu sehr gebogen ist, liegt eine Fehlhaltung vor, meist in Form einer Haltungsschwäche – wie sie etwa 60 Prozent der Acht- bis 18-Jährigen in Deutschland haben“, erklärt Chefarzt Nader. Das ist im Grunde noch nicht schlimm, versichert der Kinderorthopäde. „Allerdings können Fehlhaltungen auf die Dauer zu Fehlstellungen führen und das sollte in jedem Fall vermieden werden.“ Denn eine Fehlstellung der Wirbelsäule bedeutet eine dauerhafte Veränderung des Skeletts und zieht sehr wahrscheinlich Rückenschmerzen im Erwachsenenalter nach sich.

Viele Fehlhaltungen bei Kindern sind altersgemäß und lassen sich leicht in den Griff bekommen. „In bestimmten Wachstumsphasen haben Kinder eine Neigung zum Hohlkreuz oder gehen über den großen Onkel, also leicht einwärts.“ In der Regel handelt es sich nur um eine Insuffizienz der Muskulatur. Vielen Patienten rät Nader daher zu mehr Bewegung und Sport. Wichtig ist ihm aber der Appell, der Patient möge wiederkommen, wenn sich im Laufe eines Jahres keine Verbesserung der Haltung zeigt.

 

Nackenverspannungen durch SMS-Tippen.

Aber nicht nur Kinder mit Rund- oder Hohlrücken suchen beim Kinderorthopäden Rat, sondern auch diejenigen die durch einen verspannten Nacken ständig Kopfschmerzen haben. Auch hier ist die Tendenz steigend.

Den Grund kennt Dr. Nader mittlerweile gut: SMS-Tippen in der U-Bahn, an der Haltestelle, in der Schule, auf dem Pausenhof und heimlich unterm Tisch beim Abendessen. „Wir sprechen dann von einem SMS-Nacken“, erklärt er und kann trotzdem Entwarnung geben: „Osteopathisch lassen sich diese Beschwerden in der Regel schnell wieder beheben. Das ist kein großes Problem – sollte aber behandelt werden.“

Oft sind gezielte Eigenübungen zur Kräftigung der Muskulatur nötig.

Damit die Verspannungen nicht wiederkommen und der Rücken gestärkt wird, rät Nader den Eltern gerne ihr Kind häufiger zum Spielen in den Park zu schicken – und zwar ohne Handy, dafür aber mit Frisbee, Inlineskates oder Slack-Line.

 

Mehr Sport! Mehr Bewegung!

Jeder Sport ist geeignet, hauptsache es macht Spaß.

Jeder Sport ist geeignet, hauptsache es macht Spaß.

Ein auferlegtes Sportprogramm bringt allerdings keine großen Verbesserungen in Sachen aufrechter Haltung, wenn Kind oder Teenager keinen Spaß daran haben. Der gut gemeinte Schwimmunterricht wird an der Haltung nichts ändern, wenn Sohn oder Tochter wasserscheu sind – oder sich bei jedem Zug fragen, ob die Haare noch sitzen. Jeder Sport, der keinen Spaß macht, wird nach spätestens zwei Monaten abgebrochen. Es ist an Eltern und Kind, gemeinsam herauszufinden, welche Form der Bewegung die richtige ist.

„Geeignet ist alles, was Spaß macht und nebenher Beweglichkeit und Koordination schult,“ rät Dr. Nader. Ob das Kind sich beim Schwimmen, Fußball oder Ballett bewegt, ist letztlich egal.

Nur vom Training in Fitnesscentern rät der Chefarzt der Kinderorthopädie dringend ab. „Beim Training mit Gewichten wird zuviel Druck auf die Wirbelsäule ausgeübt. Das ist nicht gut, wenn die Knochen noch im Wachstum sind. Aber ist der geeignete Sport erst einmal gefunden, lassen die positiven Nebeneffekte nicht lange auf sich warten!“