Tinnitus. Löst Stress Tinnitus aus?

Bislang gibt es keine gesicherte Untersuchung für diese Hypothese

In belastenden Situationen (z.B. Stress am Arbeitsplatz) tritt häufig eine Verschlimmerung des Tinnitus auf

In belastenden Situationen (z.B. Stress am Arbeitsplatz) tritt häufig eine Verschlimmerung des Tinnitus auf

Die Hypothese, dass Stress einen Tinnitus verursacht, ist weit verbreitet. Auch in Gesundheitsratgebern oder Fachartikeln ist dies häufig zu finden. Entgegen dieser sehr weit verbreiteten Hypothese gibt es jedoch bisher keine ausreichend methodisch gesicherten wissenschaftlichen Untersuchungen. In einer repräsentativen Studie der Deutschen Tinnitus-Liga gaben 25% der Betroffenen Stress als mögliche Ursache an. So wird von einigen Betroffenen die Lautheit des Tinnitus vermehrt wahrgenommen, für die meisten aber verändert sich eher das Erleben ihrer gleich laut gebliebenen Ohrgeräusche. Sie empfinden diese bei Stress als weniger erträglich. Wiederum andere schildern, sie hörten ihren Tinnitus ausschließlich in oder nach längeren "Stressphasen". Der Beginn bzw. die Verschlimmerung eines Tinnitus tritt häufig in belastenden Situationen auf. Auch bei plötzlich entstehenden Hörproblemen mit Tinnitus wurden emotionale Belastungen, familiäre oder berufliche Konflikte mit der Entstehung in ursächlichen Zusammenhang gebracht.

 

Was genau den Tinnitus verschlimmert, wird nur vermutet.

Auch belastende Emotionen, wie Niedergeschlagenheit oder Depression, haben Einfluss auf die wahrgenomme Lautstärke des Tinnitus

Auch belastende Emotionen, wie Niedergeschlagenheit oder Depression, haben Einfluss auf die wahrgenomme Lautstärke des Tinnitus

Welche speziellen körperlich-seelischen Vorgänge die Verschlimmerung auslösen, wird bisher nur vermutet. So wird einerseits davon ausgegangen, dass andauernde körperliche Stressreaktionen (u.a. erhöhte Blutgerinnung, Muskelspannung und Nervenerregung) die höchst empfindliche Nährstoffversorgung des Innenohres mit den darin befindlichen eigentlichen Hörzellen stören. Einige dieser Zellen werden hierdurch in ihrer Funktion gestört, andere gehen unter. Sie beginnen, falsche Hörsignale an das Gehirn zu senden. Andererseits wird angenommen, dass auf den Nervenbahnen der Hörverarbeitung vom Innenohr bis in die einzelnen Gehirnbereiche einige Bereiche durchlaufen werden, die einen maßgeblichen Einfluss auf das persönliche Erleben des Hörreizes - hier speziell den Tinnitus - ausüben. So werden diese beispielsweise bei Unruhe und Spannung, bei belastenden Emotionen (Ängste, Niedergeschlagenheit, Unsicherheit o.ä.) oder bei pessimistischen Gedanken und katastrophisierenden Vorstellungen aktiviert. Das Ohrgeräusch wird dann als quälender empfunden.

 

Stress stellt einen Risikofaktor zur Chronifizierung des akuten Tinnitus dar.

Aufgrund der bisher vorliegenden Ergebnisse muss somit die These einer stressbedingten Tinnitusentstehung angezweifelt werden. Andererseits stellt Stress zum Zeitpunkt der Entstehung eines Tinnitus aufgrund der Kontrollüberzeugungen über Gesundheit und Krankheit, negative Stressbewältigungsstrategien sowie eine depressiv-ängstliche Befindlichkeit eindeutig einen Risikofaktor für die Chronifizierung des akuten Tinnitus dar.

 

Durchblutungsfördernde Therapien nur bei Innenohrschädigung empfehlenswert.

Eine durchblutungsfördernde Therapie bzw. Hyperbare Sauerstofftherapie ist nur ange-zeigt bei nachweisbarer Innenohrschädigung, d.h. bei zusätzlich zum Tinnitus aufgetretenem Hörverlust. Jedoch ist auch diese Behandlung umstritten und letztendlich der Spontanheilungsrate nicht unbedingt überlegen. Eine Infusionsbehandlung beim akuten Hörsturz wird in den Leitlinien der HNO-Gesellschaft noch empfohlen, die Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) im wesentlichen bei Innenohrschädigung durch Knalltrauma.
Bei Tinnitus ohne Hörverlust ist eine medizinische Behandlung meist nicht notwendig.