Morbus Menière. Therapien

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Den modernen pathophysiologischen Überlegungen haben auch die Therapieempfehlungen Rechnung gezollt. Der Patient wird in der akuten Leidensphase auch aus diagnostischen Gründen stationär aufgenommen. Beim gegenwärtigen Stand der Kenntnis muss die Behandlung auf die Symptome selbst gerichtet sein, mit Kortikoidgaben versucht man auf die entzündlich Komponente der Erkrankung Einfluss zu nehmen. Später machen stationäre Behandlungen keinen Sinn mehr.

 

Morbus Meniére. Diagnostik & Therapie

Diagnostik. Wie wird ein Morbus Meniére festgestellt?

Beim Morbus Menière führen die Häufigkeit, die Art und die Dauer der Schwindelanfälle sowie die Begleiterscheinungen wie Nystagmus (heftiges unwillkürliches Rucken der Augäpfel), Tinnitus und Hörverlust zur Diagnose. Ein sicherer Nachweis gelingt meist beim Anfall selbst: Fixieren eines festen Gegenstandes ist nicht möglich, Heftiges Auftreten oder Bewegung sind nur schwer möglich, führen zu Verschlimmerung des Schwindels. Im Gegensatz zu einem „Angstschwindel“ hat die Anwesenheit eines vertrauten Menschen keinen direkten Einfluss auf den Schwindel.

 

Chrarkteristisch ist das Augenzittern.

Schwindelanfälle werden von einem typischen Augenzittern begleitet, das mithilfe der Frenzelbrille erkannt werden kann.

Schwindelanfälle werden von einem typischen Augenzittern begleitet, das mithilfe der Frenzelbrille erkannt werden kann.

Bei der Fachuntersuchung erkennt der Arzt im Anfall bei der Untersuchung mittels der „Frenzelbrille“ das charakteristische „Augenzittern" (Nystagmus), wie es z. B. auch nach längerem Drehen um die eigene Körperachse auslösbar ist. Das Problem ist, dass die Betroffenen beim Anfall selbst wegen der Übelkeit es kaum schaffen, in eine HNO-Praxis zu kommen, so dass längere Zeit eine große Verunsicherheit herrscht.

 

Neurotologische Basisuntersuchungen.

Beim Gleichgewichtstest kann die Diagnose auf eine Schwindelerkrankung gesichert werden

Beim Gleichgewichtstest kann die Diagnose auf eine Schwindelerkrankung gesichert werden

Neurootologische Basisuntersuchungen helfen, über den typischerweise Tieftonverlust im Hörtest (Audiogramm) und eine - allerdings nicht immer nachzuweisende - Unterregbarkeit in der Gleichgewichtsprüfung die Diagnose zu sichern. Der Hydrops lässt sich z. B. durch die Gabe eines wasserentziehenden Mittels wie dem Furosemid (Lasix; Futaki-Test) beweisen, wenn anschließend der Tieftonverlust deutlich (mindestens 5 dB in drei benachbarten Frequenzen) zurückgeht.

 

Differentialdiagnostik.

Bei nicht sicherer Diagnose kann zumindest ein Hörsturz mit oder ohne Tinnitus nicht ausgeschlossen werden. Ein isolierter Drehschwindelanfall kann auch durch einen idiopathischen Labyrinthausfall verursacht sein. Psychisch bedingt- und damit oft auch verwirrend-, ist wahrscheinlich jeder über den organisch nachvollziehbaren Befund hinaus empfundene Dauerschwindel, wenn keine Gangstörung oder eine Hirnnerven-Beeinträchtigung vorliegt. Auch der beim Morbus Menière zunehmende Gleichgewichtsausfall wird meist nach wenigen Wochen vom Gehirn kompensiert. Als Anhaltspunkt gilt, dass, je vielfältiger die Beschwerden erlebt und geschildert werden, desto eher ein psychogener Schwindel vorliegt, selbst wenn ein Drehschwindel empfunden wird. Voraussetzung ist aber, dass es auch im Anfall mit Frenzelbrille nicht gelingt, einen Nystagmus festzustellen.

 

Medikamentöse Therapie des Morbus Meniére.

Gegen die Innenohrentzündung werden Medikamente gegeben.

Gegen die Innenohrentzündung werden Medikamente gegeben.

Im akuten Stadium sind Antiverginosa wie Dimehydronat (Vomex®, als Drg. oder Zäpfchen) und Flüssigkeitsersatz symptomlindernd. Alternativ wird in USA mit der Gabe von Diuretika (Hydrochlorothiazid (Dityde-H®); oder Furosemid 20 bis 40mg/die (Lasix®)), gegebenenfalls intermittierend kombiniert mit Glukokortikoiden (Decortin® 100 bis 250 mg absteigend) empfohlen.

 

Vorbeugung von Anfällen.

Zur Anfallsprophylaxe werden standardgemäß entweder Betahistin-Dimesilat 6 mg (Aequamen®) oder Betahistin-Hydrochlorid 16 mg (Vasomotal®) 3x tgl. verabreicht. Beides sind Gewebshormone, die die Blutgefäße erweitern, aber auch verengen können. Ob diese Präparate vermehrt Sauerstoff an die gestörten Rezeptorzellen im Innenohr transportieren, ist nicht erwiesen. Auch bedeutet der Einsatz der Betahistine nicht, dass eine Durchblutungsstörung als Ursache der Menière’schen-Krankheit angesehen wird. Neuere Erkenntnisse gehen eher auf eine Wirkung dieser Substanzen auf das zentrale Nervensystem aus. Bis heute gibt es keine Studie, die in etwa in einem dem Krankheitsbild und -verlauf angemessenen Studienaufbau gezeigt hätte, dass beim Menschen die Wirksamkeit des Betahistins über Plazebo besteht.

 

Weiteres Medikament zur Vorbeugung.

Das gilt auch für das Pentoxifyllin und andere sog. durchblutungsfördernde Substanzen. Nachdem im Tiermodell ein druckabhängiger kalziumabhängiger Kaliumkanal in Haarzellen des Gleichgewichtsorgans vermutet wird, stellt sich die Frage, ob Kalziumkanalantagonisten (z.B. Cinnarizin) sinnvoll für eine Anfallstherapie sind. Die Übertragung der Tierexperimente auf das menschliche Menière-Geschehen steht noch in weiter Ferne, dennoch ermutigen diese ersten Ansätze die Aachener Arbeitsgruppe, diese als Basis für klinische Studien anzusehen.

 

Chirurgische Therapie des Morbus Meniére.

Einlegen von Paukenröhrchen.

Ein kleiner Schnitt bringt häufig Linderung.

Ein kleiner Schnitt bringt häufig Linderung.

Bei therapieresistenten schweren Verläufen trotz Dosissteigerung von Betahistin, Austausch der Betahistinsalze, Versuch mit Arlevert® (Cinnarizin kombiniert mit Dimenhydrinat) ist die einfachste chirurgische Behandlung das Einlegen eines Paukenröhrchens auf der betroffenen Seite. Hintergrund dieser Behandlungsmethode ist die Beobachtung mancher Betroffener, dass sie beim Überfahren einer hohen Passstraße oder im Flugzeug die Druckschwankungen als Anfallsauslöser ansehen. Das Paukenröhrchen verhindert das „Zufallen“ des Ohres. Der sehr einfache Eingriff kann von jedem HNO-Arzt durchgeführt werden (wird z. B. auch bei Babys mit häufigen Mittelohrentzündungen zur besseren Belüftung des Mittelohrs gemacht): Unter lokaler Betäubung wird ein kleiner Schlitz in das Trommelfell gemacht und ggf. ein nur wenige Millimeter großes Paukenröhrchen eingesetzt.

 

Druckentlastung.

Wenn auch dies nach mindestens einem Monat keinen Effekt zeigt, ist die Operation in Form der Saccotomie zur Entlastung des Endolymphsystems angezeigt. Ziel dieser Operation ist die Druckentlastung des endolymphatischen Hydrops. Bei konservativ nichtbehandelbaren Menière-Formen soll nach diesem Eingriff in 72–86% der Fälle nicht nur der Schwindel abnehmen, sondern sich in bemerkenswerter Häufigkeit auch das Hörvermögen verbessern und das Ohrgeräusch erträglicher. Dazu müssen die Operateure zunächst den sog. Warzenfortsatz (Mastoid) ausräumen, um von dort aus nahe an das Labyrinth heranzukommen. In der hinteren Schädelgrube wird dann die Hirnhaut freigelegt und der Saccus meist relativ weit vorne gefunden. Dies ist auch die einzige Stelle im Endolymphsystem, wo eine Öffnung ohne Gefahr für den Gleichgewichtsapparat möglich ist. Der Saccus liegt immerhin gut 1 cm vom Labyrinth entfernt, so dass das Ertaubungsrisiko durch die Operation als gering anzusehen ist.

 

Ausschalten des Gleichgewichtsorgans.

Destruktiv- aber im Hinblick auf das Sistieren der Schwindelattacken- hilft die intratympanale Gentamycin-Instillation mit Ausschalten des Gleichgewichtsorgan (Vestibularis). Die Methode wird empfohlen, wenn mehr als 2 Schwindelattacken pro Woche auftreten. Über ein Paukenröhrchen (s. o.) wird in mehreren Sitzungen Gentamycin durch das Trommelfell hindurch injiziert. Bereits eine Teilausschaltung des Gleichgewichtsorgans kann zur Besserung der Symptomatik auszureichen. Da eine Regeneration von vestibulären Haarzellen bereits ½ Jahr nach Gentamycinapplikation eintreten kann, muss ggf. noch einmal Gentamycin zum Ausschalten gegeben werden Wie bei der Durchtrennung des Gleichgewichtsnerven (Vestibularis-Neurektomie) bleibt dabei das Endolymphgeschehen selbst unbeeinflusst; dies kann sich auf die Hörsituation weiter auswirken.

 

Morbus Meniére. Rehabilitation

Gleichgewichtsübungen, wie hier das Balancieren auf einem Seil, gehören zur Therapie.

Gleichgewichtsübungen, wie hier das Balancieren auf einem Seil, gehören zur Therapie.

Steht der Schwindel im Vordergrund der Beschwerden, dann empfiehlt sich ein Habituationstraining. Es versteht sich, dass damit zwar kein Einfluss auf die Krankheit selbst genommen werden kann, aber auf die Stärke der vestibulären Symptome. Gleichgewichtstrainierende Therapiemethoden müssen bis zur optimalen Kompensation angewendet werden.

 

FAQ. Häufig gestellte Fragen zum Morbus Meniére

Kann ein Menière-Anfall einen Schlaganfall auslösen?

Nein.

 

Kann die Menièr’sche Erkrankung auch das zweite Ohr befallen?

Ja, in bis zu 30% der Fälle.

 

Kann die Menièr’sche Erkrankung ausheilen?

Ja, es gibt die Spontanheilung. Des Weiteren ist im Verlauf der Jahre mit einem Nachlassen der schweren Schwindelattacken zu rechnen.

 

Kann die Menièr’sche Erkrankung zur Ertaubung führen?

Ja, aber nur auf der betroffenen Seite.

 

Kann die Menièr’sche Erkrankung operativ beeinflusst werden?

Ja, in nicht wenigen Fällen führt eine sachgerecht durchgeführte operative Dekomprimierung des „Sacculus vestibularis“ zumindest über viele Jahre zum Stillstand der Erkrankung. Nicht selten tritt die Menièr’sche Krankheit auch beidseitig auf, was größte Zurückhaltung bei destruktiven Behandlungen wie der Durchtrennung des Gleichgewichtsnerv nahe legt.

 

Was mache ich, wenn die Erkrankung zur Ertaubung auf der betroffenen Seite geführt hat, ich aber immer noch unter heftigen Schwindelanfällen leide?

Wenn das Ohr ganz taub ist, greifen chirurgische Ausschaltungsmöglichkeiten wie die der „Cochleosakkulotomie“: Die operative Labyrinthausschaltungen durch das Innenohr. Diese Operation ist einfacher durchzuführen als die neurochirurgische Durchtrennung des Gleichgewichtsnervs. Die Methode ist auf dem amerikanischen Kontinent verbreiteter als in Europa.

 

Muss ich bis zur Ertaubung warten, bevor ich mich einem operativen (Paukenröhrchen, Saccotomie etc.) oder invasiven Eingriff (z.B. Gentamycin-Behandlung) unterziehe?

Man sollte mit schwindelstoppenden Maßnahmen nicht warten, bis das Gehör endgültig ausgebrannt ist bzw. im Verlauf Berufsunfähigkeit, Invalidität oder massive depressive Reaktionen aus organischen Ursachen eingetreten sind.

 

Ist die Blockierung des Ganglion Stellatum sinnvoll?

Mit der Methode versucht man auf der betroffenen Seite mit einer langen Nadel und lokalen Betäubungsmitteln Nervenstrukturen des sympathischen Systems, das Ganglion stellatum, tief im Hals, auszuschalten. Als erwünschte Wirkung stellt sich eine Erwärmung der betroffenen Kopfseite ein, aber wohl kaum die angestrebte Vermehrung der Innenohrdurchblutung. In Abwägung des relativ hohen Risikos (in der Umgebung des Grenzstrangs tief im Hals finden sich viele lebenswichtige Strukturen) gegen den nicht zu erwartenden Nutzen sollte diese Methode nicht beim Morbus Menière eingesetzt werden.

 

Darf ich noch Autofahren?

Wichtig erscheint es, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Menière eine quälende, aber nicht lebensbedrohliche Erkrankung ist. Das gewerbliche Führen von Kraftfahrzeugen oder Arbeiten an Arbeitsplätzen mit Absturzgefahr ist je nach Ausprägung der Erkrankung untersagt. Private KFZ-Führung sollte vorsorglich eingegrenzt werden.

 

Was mache ich, wenn ich einen Anfall in der Öffentlichkeit habe?

Wichtig ist es, dass der Betroffene sich eine „Notfall-Medikation“ verschreiben lässt (Vomex-Zäpfchen gegen die Übelkeit, Einmaleinnahme einer Tablette Kortikoid mit einem Diuretikum), die ihn einen Anfall auch außerhalb der medizinischen Versorgung (z. B. Urlaub) gut überstehen lässt. Des Weiteren sollte sich der Betroffene mit einer griffbereiten Informationskarte versorgen, die es ihm erlaubt, sich unbekannten Kontaktpersonen gegenüber besser verständlich zu machen. Die Karte sollte darüber informieren, dass der Betroffene momentan einen Menière-Anfall hat und nicht betrunken ist oder an Unterzucker leidet, dass er nicht in ein Krankenhaus aufgenommen werden will, sondern dass man ihm allenfalls beim Nachhause-Kommen behilflich sein sollte.

 

Spezialisierte Kliniken

Zwei unserer Kliniken sind auf die Behandlung von Morbus Menière spezialisiert.

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