Noch Pubertät oder schon Depression?

Jugendliche im Tief der Gefühle.

Nicht alle Probleme von Jugendlichen lassen sich mit der Pubertät erklären und verschwinden ganz von alleine.

Nicht alle Probleme von Jugendlichen lassen sich mit der Pubertät erklären und verschwinden ganz von alleine.

Die Pubertät ist eine normale Entwicklungsphase, die Jugendliche zwischen elf und 19 Jahren durchlaufen. Typisch für die Pubertät sind körperliche Veränderungen, oftmals verbunden mit Stimmungsschwankungen, Zweifel und Unsicherheiten. Trotzdem ist Vorsicht geboten: „Wenn Stimmungstiefs über Wochen und Monate anhalten, wenn es in der Schule zum Leistungsabfall kommt und der Jugendliche sich sozial zurückzieht, sollten Eltern, Freunde und Lehrer aufmerksam werden,“ rät Dr. Silke Naab, Chefärztin an der Schön Klinik Roseneck und Leiterin der Jugendabteilung. „Die Pubertät ist eine kritische Phase mit großen Veränderungen. Das verstärkt die seelische Verletzbarkeit der Jugendlichen und kann auch Auslöser für verschiedene psychische Erkrankungen, unter anderem auch Depressionen, sein.“ Nicht alle Probleme von Jugendlichen lassen sich also mit der Pubertät erklären und verschwinden ganz von alleine.  

 

Nicht jede Null-Bock-Phase ist gleich eine psychische Erkrankung.

Natürlich ist nicht jede Null-Bock-Phase ein Zeichen für eine psychische Erkrankung. „Fast kein Jugendlicher kommt ohne schlechte Laune, Motzphase und Konflikte durch die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu“, bestätigt Chefärztin Dr. Silke Naab. Zukunftsängste, Berufsorientierung und eine Rollenerwartung, die sich stark verändert, können Jugendliche unter Druck setzen. Zusätzlich können Hormonschwankungen dazu führen, dass die Jugendlichen empfindlich und impulsiv reagieren. Ist diese „heiße Zeit“ überwunden, gleichen sich zumindest die körperlichen Prozesse wieder aus und die Jugendlichen reagieren in der Regel ruhiger und weniger emotional.

 

Vorsicht bei sozialem Rückzug.

Wenn Jugendliche beispielsweise Diskussionen um Autoritäten und das Schulsystem anfangen, wenn sie Türen schmeißen und Widerworte geben, können geplagte Eltern eines positiv sehen: Für eine Depression spricht es nämlich nicht, wenn das geballte Unverständnis sich seinen Weg auf eine laute Art sucht. „Ein Jugendlicher, der Türen schmeißt, macht seinen Gefühlen Luft und kann dadurch Ambivalenzen ausgleichen. Das ist vielleicht unangenehm, aber immerhin besteht ein Kontakt zwischen dem Pubertierenden und der Außenwelt“, so Dr. Naab. Schwieriger wird es, wenn der Jugendliche den Kontakt abbricht und sich komplett in seine Welt zurückzieht. Wenn nicht nur Eltern, sondern auch Freunde nicht mehr an den Jugendlichen herankommen, die schulischen Leistungen schlechter werden, Lehrer über Abwesenheiten klagen und / oder der Gebrauch von Alkohol oder Drogen dazukommen, spätestens dann sollten Sorgeberechtigte dringend nachfragen – und auch handeln!

 

Vier bis acht Prozent der 11 bis 19jährigen leiden an einer Depression.

Nachfragen ist bei Jugendlichen, ob depressiv oder nicht, meist gar nicht so einfach. Die klassischen Antworten können zwischen „Lass mich in Ruhe“ und „Das geht dich gar nichts an“ liegen. Kein Wunder, dass Eltern mit dem Problem meist überfordert sind. Manchmal geben verschiedene Anhaltspunkte Auskunft darüber, ob die schweigsame Tochter bzw. der schweigsame Sohn gefährdet oder eben nur schweigsam ist. „Bei depressiven Jugendlichen finden sich im Vorfeld oft auslösende Ereignisse, die ihn dann aus der Bahn werfen können. Zu diesen Erlebnissen können Erfahrungen wie der Tod von Angehörigen, ein Umzug, der den Kontakt zu Freunden erschwert, aber auch der Tod von Haustieren gehören. Nicht selten spielen familiäre Schwierigkeiten oder Überforderung in der Schule eine Rolle“, erklärt Dr. Naab. Manchmal besteht eine Vorbelastung in der Familie.Treten oder traten bei Verwandten Depressionen oder sogar Suizide auf, dann kann es sein, dass auch das Kind genetisch belastet ist. Ob mit erkennbarem Auslöser oder nicht: der soziale Rückzug bei Jugendlichen sollte nicht „auf die leichte Schulter“ genommen werden. Tatsächlich leiden etwa vier bis acht Prozent der elf bis 19- Jährigen an einer depressiven Erkrankung. Mädchen sind doppelt so häufig betroffen wie Jungen. Die Dunkelziffer wird sogar nochmals weit höher geschätzt, weil viele Depressionen nicht erkannt werden. „Wir erleben es nicht selten, dass Patienten wegen einer Essstörung zu uns kommen und ebenso an  einer nicht erkannten Depression leiden. Insgesamt müssen wir davon ausgehen, dass weniger als 50 Prozent der Betroffenen eine adäquate Behandlung bekommen,“ berichtet Dr. Naab.

 

Zwischen Beratungsstelle und Psychotherapie.

Zunächst sollten Eltern sich mit ihrem Kind an den Hausarzt oder eine geeignete Beratungsstelle wenden, wenn sie vermuten, dass eine depressive Symptomatik vorliegt. Wird dort eine depressive Erkrankung festgestellt, dann bietet sich im ersten Schritt eine ambulante psychotherapeutische  Behandlung an. Kommt es hier zu keiner Verbesserung, dann sollte eine stationäre Behandlung zur spezifischen Behandlung der Depression  angedacht werden. Äußert der Jugendliche,  Suizidgedanken, müssen diese direkt abgeklärt werden: Im Falle einer akuten Suizidalität kommt nur ein stationärer Aufenthalt in Frage, um hier schnellstmöglich zu handeln.

„In der Klinik arbeiten wir bei depressiven Jugendlichen vor allem mit Psychotherapie. Gerade am Anfang ist es wichtig, ein Krankheitsverständnis zu vermitteln. Im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie lernt der Patient, seinen negativen Ansichten positive Gedanken entgegenzusetzen und schrittweise mit aktuellen Problemen besser umzugehen. In der Gruppentherapie geht es dann vor allem um soziale Kompetenz. Wir üben den Umgang mit schwierigen Situationen und Stressbewältigung.“ Wichtig für die erfolgreiche Behandlung des Jugendlichen ist zum einen, dass er selbst mit der Therapie einverstanden ist, und zum anderen, dass die Eltern in die Behandlung mit einbezogen werden. Auch die Eltern müssen lernen, mit dem Krankheitsbild umzugehen, und wann ihr Kind ihre oder professionelle Hilfe benötigt.

 

Unsere Interviewpartnerin.

 

Dr. Silke Naab

Chefärztin des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Roseneck.

Profil von Dr. Silke Naab

 

Jugendliche & psychische Erkrankungen

Wir haben eine Spezialabteilung für Jugendliche (14 - 18 Jahren) mit Essstörungen und anderen psychischen Erkrankungen.

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