Smartphonesucht. Immer erreichbar - immer online

Wenn das Handy für Jugendliche zur Sucht wird.

Immer im Netz, immer erreichbar.

Immer im Netz, immer erreichbar.

Telefonieren, Chatten, Mailen, Musik hören, Recherchieren, Spielen, Wettervorhersagen abfragen: Ein Smartphone ist ohne jede Frage eine sehr praktische Angelegenheit. Das Internet ist permanent verfügbar. Kein Wunder, dass immer mehr Erwachsene und Jugendliche nicht ohne Smartphone das Haus verlassen. Eigentlich ist das kein Problem – so lange es noch ein Leben außerhalb des Internets gibt. „Allerdings verläuft der Übergang zwischen einer ‚normalen’ Nutzung und der Sucht fließend,“ gibt  Dr. Silke Naab, Chefärztin der Schön Klinik Roseneck und Leiterin der Jugendabteilung, zu bedenken. „Und wir beobachten, dass immer mehr Jugendliche ständig Smartphones benutzen.“ Natürlich ist nicht jeder rege Nutzer gleich therapiebedürftig. Viele Jugendliche und Erwachsene nutzen das Gerät phasenweise viel, lassen dann aber auch wieder davon ab. Die Nutzung von Internet und Smartphone beginnt bereits im Kindesalter. Bereits 21 Prozent der Jungen und Mädchen im Alter zwischen sechs und sieben Jahren nutzen das Internet. Bei den Acht- und Neunjährigen sind es sogar 48 Prozent. Insgesamt gelten in Deutschland etwa 0,9 Prozent der Nutzer als süchtig und 9,7 Prozent als suchtgefährdet.

 

Handysucht ist Typensache.

Um die Übergänge zwischen Sucht und ‚normaler’ Internetnutzung fassbar zu machen, unterteilen Psychologen die regen Nutzer in vier Typen. „Wir sprechen hier absichtlich nicht von Smartphonesucht, sondern von Internetsucht“, erklärt Dr. Naab. „Denn das Smartphone ist nur ein Teil des Phänomens. Etwa, wenn Eltern ihren Kindern verbieten, abends am Computer zu spielen und diese dann einfach heimlich im Bett mit dem Smartphone weitermachen.“

  • Typ D: Innerhalb der Typisierung schlägt Typ D mit dem Smartphone in erster Linie die Zeit tot. Er ist viel online und chattet, kann die Nutzung aber regulieren.
  • Typ C: Auch Typ C nutzt Internet und Smartphone oft, kann seinen Gebrauch aber ebenfalls erfolgreich regulieren. Dieser Nutzer ist sich bewusst, dass ein zu häufiger Gebrauch negative Folgen haben kann, etwa für Freundschaften und seine Partnerschaft.
  • Typ B: Typ B ist häufig online chattet und spielt ständig, bekommt aber seinen Alltag geregelt, weil er gute soziale Kompetenzen hat.
  • Typ A: Als wirklich süchtig und im Internet „gefangen“ gilt nur Typ A. Er vernachlässigt andere Dinge und soziale Beziehungen, kapselt sich ab, lebt nur noch in der virtuellen Welt.

„Selbstverständlich sind die Übergänge hier fließend und es gibt keine klaren Grenzen“, so Dr. Naab. „Ernsthafte Sorgen muss man sich um Typ A machen, den Eltern, Mitschüler und Freunde aber in der Regel recht eindeutig erkennen.“

 

Ungehalten und aggressiv – zwischen Onlinekompetenz und Smartphonesucht.

Wenn sich bei Schülern Leistungsprobleme entwickeln, weil sie sich schlecht konzentrieren können, zu wenig schlafen und zu lange spielen, dann sollte das Nutzungsverhalten von Computer und Smartphone überprüft werden. Oft häufen sich Aufmerksamkeitsprobleme und Schüler werden zunehmend ungehalten und aggressiv. Diagnostische Kriterien für die Handysucht, die eigentlich eine Internetsucht und Computerspielsucht ist, gibt es noch nicht. Laut medizinischen Leitlinien äußert sich diese oft in gedanklicher Eingenommenheit, Entzugssymptomatik, Reizbarkeit, Angst, Traurigkeit und Toleranzentwicklung. Die Dauer des Gebrauchs nimmt immer mehr zu und Versuche, die Nutzung zu kontrollieren, bleiben erfolglos. Auch das Interesse an früheren Hobbys kann verloren gehen. Obwohl den Kindern und Jugendlichen diese Probleme bewusst sind, werden Computer und Smartphone weiter exzessiv genutzt.  

„Typisch ist auch, dass Familienangehörige über das Ausmaß getäuscht werden. Ziehen Eltern den Computer ein, wird über das Handy weitergechattet. Die Schullaufbahn und Ausbildung sind bei diesen Jugendlichen irgendwann gefährdet“, weiß Dr. Naab aus der Praxis.  Aber was tun, wenn ein Kind vor lauter Internet den Bezug zur Wirklichkeit verliert? „Computer und Handy zu konfiszieren und jede Nutzung zu verbieten, bringt nichts,“ erklärt Dr. Naab. „Das gilt sowohl für den Heimgebrauch als auch für die Therapie.“ 

 

Maß halten und alternative Verhaltensweisen lernen.

Auch bei den jugendlichen Patienten der Schön Klinik Roseneck, die ,neben Erkrankungen wie z.B. Essstörungen oder Depressionen, einen exzessiven Gebrauch aufweisen, geht es nicht darum, ganz vom Netz loszukommen, sondern den Konsum wieder einzupendeln. „Es soll ein normales Maß der Nutzung entwickelt werden - das ist ein Unterschied zu anderen Süchten,“ erklärt Dr. Naab. „Die Jugendlichen sollen alternative Verhaltensweisen trainieren und lernen, ihre einstigen Hobbys wieder zu aktivieren und soziale Kontakte zu priorisieren.. Dabei müssen sie ganz neu einschätzen, was normaler Konsum ist.“

Lernen müssen das oft nicht nur die Jugendlichen, sondern auch ihre Eltern. Für sie ist es nicht einfach zu entscheiden, wo der normale Gebrauch aufhört und das pathologische Nutzungsverhalten anfängt. „In den letzten Jahren hat sich das Vernetzungsverhalten stark verändert. Deshalb muss man heute andere Standards ansetzen,“ gibt Dr. Naab zu bedenken. „Jugendliche lernen schon früh in der Schule mit dem Computer und im Internet zu arbeiten und entwickeln ganz andere Kompetenzen als noch vor einigen Jahren.. Dabei ist die Nutzung per se nicht immer gleich viel zu viel. Auch sind die meisten Jugendlichen sehr wohl in der Lage, zwischen Bekanntschaften aus sozialen Netzwerken und „realen“ Freunden zu unterscheiden.“ 

 

Die schwierige Rolle der Eltern – was ist wann zu viel?

 Eltern sollten ihre Kinder aufklären, informieren und einen zeitlichen Rahmen geben.

Eltern sollten ihre Kinder aufklären, informieren und einen zeitlichen Rahmen geben.

Eltern sind in der schwierigen Rolle über ein Verhalten urteilen zu müssen, welches sie selbst als Jugendliche nicht erlebt haben. Klar ist nur: Verbieten und Verteufeln bringt nichts in einer Zeit, in der Onlinekompetenzen immer wichtiger werden. Kinder ohne Grenzen im Internet surfen zu lassen ist jedoch auch nicht der richtige Weg. „Eltern sollten den Kontakt zu ihren Kindern halten,  mit ihnen reden und zeigen, wie das Internet funktional genutzt werden kann,“ rät Dr. Naab.

Kinder wenden bereits oft Internetangebote an, die für Erwachsene konzipiert wurden (z.B. Google, Facebook oder Youtube). Hierbei stoßen sie auch auf Inhalte, die nicht kind- oder jugendgerecht sind und traumatisieren können. Eltern sollten die Kinder im Internet begleiten und ihnen ggf. geeignete Internetseiten empfehlen. Informationen hierzu gibt es z.B. über die Ärztekammer Nordrhein-Westfalen (Rubrik Presseinformationen) und die Website des Bündnisses White IT gegen Kinderpornographie.

Wenn es Eltern gelingt, ihre Kinder aufzuklären und ihnen  einen zeitlichen Rahmen zu geben, dann werden diese später in der Regel weniger Probleme damit haben, ihr Nutzungsverhalten zu regulieren und sich auch mit anderen Dingen zu beschäftigen. Natürlich haben die Eltern auch hier eine Vorbildfunktion: Sitzen sie selbst häufig vor dem Smartphone und Computer, lassen sich durch neue Nachrichten ablenken oder legen die Geräte nicht einmal mehr bei gemeinsamen Mahlzeiten weg, schauen sich die Kinder dieses Verhalten ab. Manchmal hilft auch schon ein Familienrat mit der Erkenntnis „Wir alle lassen uns gerade viel zu sehr von unserem Smartphone lenken“ – und einer für alle Familienmitglieder geltenden Regelung: Während des Essens kein Handy auf dem Tisch. „Sonst sprechen wir alle bald gar nicht mehr mit unseren Kindern, sondern chatten nur noch mit ihnen“, überzeichnet Dr. Naab bewusst das Bild der modernen Familie. 

 

Unsere beratende Expertin:

 

Dr. Silke Naab

Chefärztin des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Roseneck.

Profil von Dr. Silke Naab

 

Internet-, Computersucht

Wenn nur noch die virtuelle Welt zählt und der reale Alltag in den Hintergrund rückt, spricht man von Internet-, Computersucht.

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Wir haben eine Spezialabteilung für Jugendliche (14 - 18 Jahren) mit Essstörungen und anderen psychischen Erkrankungen.

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