Borderline. Wenn das Gefühl übermächtig wird

Borderliner erleben Gefühle etwa neun mal so stark wie andere.

Borderliner erleben Gefühle etwa neun mal so stark wie andere.

Lena* fühlte sich schon immer „irgendwie anders“. Das begann bereits in der fünften Klasse. Sie hatte ständig Angst, Fehler zu machen. Fühlte sich absolut nicht wohl in ihrer Haut. Konnte nicht nachvollziehen, warum andere mit ihr befreundet sein wollten. Da glaubte man noch an Depressionen. Heute ist klar: Die jetzt Mitte Zwanzigjährige leidet an Borderline. Gefühle erlebt sie etwa neun mal so stark wie andere. So wird ihr Leben zunächst auch rein von Gefühlen bestimmt – vor allem von negativen Gefühlen. Sie ritzte sich die Haut auf, um die Gefühle rauslassen zu können. Sie nahm Drogen, um die negativen Gefühle in positive umzuwandeln.

Trotz allem hat Lena ihren Weg gemacht – über Umwege. Und gestärkt durch einige Klinikaufenthalte. Sie studiert. Hat bereits mit guten Noten eine Ausbildung abgeschlossen. Tankt Kraft aus dem Job. Um sich dann nicht von einer der nächsten Gefühlswellen aus der Bahn werfen zu lassen, ging die junge Frau zweieinhalb Monate in die Schön Klinik Bad Bramstedt. Hier lernte sie Techniken und Verhaltensweisen, um das Mehr an Gefühlen besser kontrollieren zu können. „Ich fange vollkommen neu an“, sagt sie überzeugend. Deshalb möchte sie auch andere Borderline Patienten motivieren, für sich selbst zu kämpfen. Hilfe anzunehmen. Das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Und erzählt, was sie selbst erlebt hat.

 

Wie muss man sich ein Leben voller Gefühle vorstellen? Hast Du als Jugendliche viel getobt und geschrien, gelacht und geweint?

Nein, gar nicht. Bei mir war es ganz anders, als man das häufig liest oder im Fernsehen sieht. Im Umgang mit anderen Menschen war ich eher hyper angepasst und darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Ich wollte nicht zeigen, wie viele Gefühle in mir sind. Ich habe viel unterdrückt, in mich hineingefressen. Aber eigentlich war ich absolut in meiner Gefühlswelt gefangen. Erst wenn ich einem Menschen vertraut habe, also zum Beispiel in einer Partnerschaft war, brachen die Gefühle aus mir raus. Dann konnte es passieren, dass ich ziemlich überreagiert habe.

So hatte ich wahnsinnige Angst verlassen zu werden. Wenn mein Freund nur mal gesagt hat: „Heute Abend kann ich dich nicht sehen. Ich bin mit Freunden verabredet“, ist wirklich eine Welt für mich zusammengebrochen. Ich habe stundenlang geheult. Teilweise weiß ich sogar gar nicht mehr, was ich dann wirklich in solchen Situationen alles gemacht habe. Ich kann mich nicht erinnern. Zudem habe ich mich sehr in diese Welt der Gefühle zurückgezogen. Selbst wenn ich mit anderen Menschen zusammen war, habe ich mich ganz schrecklich isoliert und alleine gefühlt. 

 

Du hast auch irgendwann angefangen dich selbst zu verletzen. War das Ritzen eine Möglichkeit aus dieser Gefühlswelt zu entkommen?

Es war vor allem und zunächst ein Hilfeschrei. Ich hätte es nie gewagt, andere um Hilfe zu bitten. Aber die vielen negativen Gefühle ließen sich durch das Ritzen gut verdrängen – auf einmal stand der körperliche Schmerz im Vordergrund. Und auch meine innere Anspannung ließ durch das Ritzen nach. Es war wirklich wie ein Ventil. Zum Glück habe ich in der Klinik andere Methoden gelernt, um die Anspannung weichen zu lassen.

Hierfür unterscheide ich drei Bereiche: unterer Anspannungsbereich, mittlerer und oberer Anspannungsbereich. Wenn ich also nur wenig angespannt bin, hilft mir heute auch ein Duftöl, Musik oder auch ein Spaziergang an der frischen Luft. Das hilft, wieder zurück aus der Gefühlswelt ins Hier und Jetzt zu kommen. Wenn ich stärker angespannt bin, dann hilft zum Beispiel Joggen oder eine Traumreise. Und wenn es ganz heftig wird, wenn ich früher ein heftiges Verlangen gespürt hätte mich zu ritzen, dann helfen nur noch extreme Sachen, um mich auf den Boden zurück zu holen. Dann gehe ich kalt Duschen, beiße auf eine Chili-Schote oder gehe richtig schnell rennen – damit ich völlig erschöpft und ausgepowert bin. Das hilft.

 

Das waren ja nur einige Dinge, die Du in der Klinik gelernt hast, Lena. Was gehörte noch dazu?

Ich habe noch Skills gegen die innere Leere in mir gelernt. Ich schaue mir dann zum Beispiel Bilder von Freunden an. Oder meinem Hund. Dann fühle ich mich gleich besser. Diese Bilder bedeuten mir etwas. Ich habe also eine ganze Kiste mit Bildern, die in mir positive Gefühle wecken können. Es ist wichtig für mich zu wissen, dass ich diese Kiste jederzeit hervorholen und damit meine Gefühle in eine positivere Richtung drehen kann. Auch wenn das eigentlich eine recht simple Methode ist – für mich ist es eine extrem gute Idee.

 

Gab es während des Klinikaufenthalts weitere AHA-Erlebnisse?

Oh ja. Davon gab es ganz viele. So habe ich zum Beispiel zu Beginn der Therapie gemeinsam mit meinen Ärzten Ziele festgelegt. Eines davon war, meine innere Anspannung besser einschätzen zu können. Ich wollte erfahren, wie ich rechtzeitig erkenne, dass ich stark angespannt bin.

Deshalb habe ich jeden Abend Protokolle über meine Gefühle und das Erlebte vom Tag geschrieben. Und ich habe irgendwann selbst gesehen: Je mehr ich auf mich selbst geachtet habe, meine eigenen Bedürfnisse auf einmal in den Vordergrund getreten sind, desto besser ging es mir. Ich habe ja niemals gelernt, mich selbst zu schützen. 

 

Und in der Klinik hast du das gelernt?

Ja. Ich weiß jetzt wieder, wer ich bin. Und ganz wichtig: Ich habe gelernt „Nein“ zu sagen und gesehen, dass danach gar nicht jeder auf mich böse ist, sondern der Tag einfach weiterlaufen konnte. Da war ich stolz auf mich. Vor allem habe ich auch in der Klinik positive Gefühle wiederentdeckt. Früher habe ich mich immer nur gefragt „Welche Fehler hast du gemacht?“. Heute frage ich mich „Was hast du heute alles schon richtig gut gemacht?“. Gleiches gilt für meinen Körper. Ich konnte mich nie annehmen. Fand mich hässlich, abstoßend, ekelig.

Schritt für Schritt habe ich gemerkt, dass ich auch schöne Dinge an mir finden kann. Meine Haare sind schön. Meine Augen. Mein Selbstwertgefühl ist ein komplett anderes. Ich weiß aber auch, dass die wirkliche Therapie erst nach der Therapie anfängt. Ich muss jetzt das ganze theoretische Wissen, das ich gesammelt habe, in meinen Alltag integrieren. Das ist schwer. Aber ich will das schaffen. Ich fange komplett neu an.

*(Der vollständige Name der Patientin ist der Redaktion bekannt, wird aber zum Schutz der eigenen Privatsphäre nicht genannt.)

 

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Bei der Borderlinestörung hat sich die Verhaltenstherapie als besonders effektiv erwiesen.

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