Urlaub mit Essstörungen.

Planung ist die halbe Erhohlung.

Ein fester Plan hilft, Rückfälle in alte Verhaltensmuster zu vermeiden.

Ein fester Plan hilft, Rückfälle in alte Verhaltensmuster zu vermeiden.

Endlich Urlaub! Idealerweise bedeutet das Entspannung pur: Fremde Länder bereisen und neue Eindrücke sammeln, sich auf andere Kulturen einlassen. Auf die meisten Menschen mag das zutreffen, aber nicht auf alle. Für Urlauber, die aufgrund einer Essstörung wie Magersucht oder Bulimie in Behandlung waren, kann die Reise in ein fremdes Land großen Stress auslösen. Die Tapas sind zu fettig, der Tzatziki zu knofelig und manchmal ist zur üblichen Abendessenszeit kein gedeckter Tisch in Sicht, weil man sich gerade auf einer Safari befindet. Die Essstörung droht sich deshalb gerade in der Urlaubszeit zu verstärken. Das muss nicht sein! Frau Dr. Elisabeth Rauh, Chefärztin der Psychosomatischen Klinik an der Schön Klinik Bad Staffelstein erklärt, wie der Urlaub trotzdem entspannt wird.

 

Keine Chance dem Freizeitstress.

Was für den einen aufregend und die schönste Form der Erholung ist, wird für den anderen schnell zum Stress. Die Rundreise durch Südamerika, die Rucksacktour in Vietnam oder das Aufeinanderglucken mit der Großfamilie ist für einen Patienten mit Magersucht oder Bulimie stressig. Im Zweifel sogar so stark, dass er in überwunden geglaubte Verhaltensmuster zurückfällt. Wenn alles schief geht, reagiert der Betroffene mit Heißhungerattacken, Übergeben oder Essensverweigerung.
Denn wer im Urlaub ständig unterwegs ist, hat täglich eine große Anpassungsleistung an eine neue Situation zu bewältigen. Da ist es nicht leicht, auf regelmäßige Mahlzeiten zu achten. „Wenn meine Patienten morgens noch nicht wissen, wo und was sie abends essen werden, dann setzt sie das tagsüber unter Druck. Das kann die Entspannung stören,“ erklärt Dr. Rauh. „Und oft gibt es einen Zusammenhang zwischen Stressreaktionen und Rückfällen in die Essstörung.“

 

Erholungsurlaub statt Rundreise.

Koffer packen und rein in den Lastminute-Flieger hält Chefärztin Dr. Rauh bei einer Essstörung nicht für die geeignete Urlaubsform. Sinnvoller ist es, einen Urlaub zu planen, in dem der Entspannungswillige auch die Gelegenheit hat, über sich selbst nachzudenken, sich wirklich zu erholen, ausgewogen zu essen, sich zu bewegen und einfach die Seele baumeln zu lassen. Natürlich spricht nichts dagegen, diese Entspannungsphase an einem anderen Ort als zu Hause zu genießen. Eine Reise sollte nur ein wenig durchgeplanter sein, als die spontane Rucksacktour mit Freunden. „Ein Betroffener mit Essstörung kann im Grunde alles machen. Er muss nur mehr vorausschauen – wie ein Rollstuhlfahrer, der vorher nachsieht, wo sich öffentliche Aufzüge befinden.“ So sollten Betroffene mit Magersucht oder Bulimie vor Reiseantritt überlegen, ob die eigene Mahlzeitenstruktur gesichert ist. Denn wenn Essgestörte zum Beispiel nach einem langen Strandtag nur überfüllte Restaurants finden, lassen sie gerne die Mahlzeit einfach ausfallen.

 

Gut geplant mit Halbpension.

Alles ist möglich und eine Frage der Organisation. Wer keine große Lust hat, sich mit der Planung seiner Mahlzeiten zu beschäftigen, ist am besten in einem netten Hotel mit Halbpension untergebracht. Feste Essenszeiten machen es leicht, für die Tage oder Wochen zu gewissen Ritualen zu finden. Wer weiß, dass er jeden Morgen gegen zehn Uhr frühstückt und zwischen 19 und 21 Uhr zu Abend isst, der gerät nicht in Essensstress. Ein Lunchpaket für den Mittag ist alles, was der Urlauber noch bedenken muss. Natürlich gibt es Menschen, die schon beim Gedanken an diese Urlaubsform nervös werden. „Eine Fahrradtour mit Freunden oder auch die Rundreise durch Frankreich ist nicht verboten. Der Urlauber sollte aber vorher mit seinem Therapeuten überlegen, wie er mit bestimmten Situationen umgehen würde. Und er sollte sich darüber im Klaren sein, dass er seine Mahlzeiten planen muss.“ Zu sklavisch sollte der Stundenplan allerdings auch nicht geraten. Generell rät die Ärztin dazu, zwar gut, aber „unscharf“ zu planen. „Abendessen um Punkt sieben anzusetzen ist im Urlaub unrealistisch und führt wieder zu Stress. Sinnvoller ist es, von einem Zeitfenster auszugehen. Dann muss man nicht vom Strand ins Hotel hetzen um nicht aus dem Plan zu geraten.“

 

Alle Mitreisenden informieren.

Fahrradtour mit Freunden oder Familienurlaub in der Bretagne: ein wichtiger Punkt, wenn Essgestörte auf Reisen gehen, ist die Gesellschaft. Wer zusammen bei schlechtem Wetter im Appartement sitzt, kann sich nach drei Tagen ganz schön auf die Nerven gehen. Kommt ein Ernährungsproblem dazu, wird der Entspannungsurlaub schnell für alle Beteiligten zur Tortur, vor allem wenn nicht mit offenen Karten gespielt wird. „Es ist wichtig, dass die Mitreisenden wissen, dass eine Essstörung vorliegt“, rät Dr. Rauh.
Denn wenn ein Teammitglied auf die Mahlzeiten achtet und alle anderen wissen nicht, warum, führt das fast zwangsläufig zu Problemen. „Man darf das nicht der Situation überlassen, sondern muss sich gemeinsam vorher überlegen, wie der Urlaub aussehen soll. Dann können alle Beteiligten Pausen einplanen, weil keine Mahlzeit ausfallen darf. So spart man sich eine Menge Missverständnisse.“ Betroffene, die versuchen, einfach mitzumachen und den Urlaub in einer Stimmungslage zwischen schlechtem Gewissen und Ernährungsstress verbringen, sind immer nah am Rückfall. Wenn alle bescheid wissen, kann der Urlaub hingegen genau das sein, was er eigentlich sein soll: Entspannung pur!

 

Unser Interviewparter.

 

Dr. Elisabeth Rauh

Chefärztin und Leitung des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Bad Staffelstein.

Profil von Dr. Elisabeth Rauh

 

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