Kranke Eltern = kranke Kinder?

Haben psychische Erkrankungen der Eltern Einfluss auf ihre Kinder?

Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko, selbst krank zu werden.

Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko, selbst krank zu werden.

Eigentlich sollten sich Eltern um ihre Kinder kümmern: sie trösten, sie ernähren und ihnen beim Großwerden helfen – sie sich also zu selbstständigen und selbstbewussten Menschen entwickeln. Sind Eltern oder ein Elternteil aber psychisch krank, können sie diesen Part nicht übernehmen. Manchmal fühlen sich die Kinder sogar verantwortlich für ihre Eltern und müssen diese umsorgen, obwohl es eigentlich umgekehrt der Fall sein sollte. Eine schwierige Situation. „Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko, selbst krank zu werden“ weiß Dr. Marion Seidel, Chefärztin an der Schön Klinik Bad Arolsen. Gerade in den ersten Lebensjahren bis zur Pubertät ist ein stabiler, sicherer und unterstützender Umgang mit dem Kind bzw. den Jugendlichen notwendig, um sichere Bindungen und soziale Kompetenzen zu erlernen. Fehlt hier die Unterstützung, können sich Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern und Jugendlichen entwickeln. Etwa 20% der unter 18jährigen weisen psychische Auffälligkeiten auf.

 

Die große Frage: Warum erkranken Kinder erkrankter Eltern häufiger?

Ob psychische Krankheiten genetisch vererbbar sind, kann noch nicht abschließend beantwortet werden. Das hat verschiedene Gründe. Forschern fehlen schlicht belastbare Zahlen. Die Vererbbarkeit psychischer Krankheiten könnte nur anhand einer Zwillingsstudie erforscht werden. Dafür kommen aber nur getrennt aufwachsende eineiige Zwillinge in Frage. Leben Geschwister im gleichen Haushalt und sind den gleichen Umweltfaktoren ausgesetzt, dann kann nicht zweifelsfrei geklärt werden, ob sie aufgrund des Umfelds erkranken, oder aufgrund einer Vererbung. 

 

Postnatale Depression bei der Mutter – schwieriger Start für ein Kind.

Manche Kinder werden schon in schwierige Verhältnisse geboren. Wenn eine Mutter zum Beispiel unter einer postnatalen Depression leidet, betrifft ihre Krankheit immer auch das neugeborene Kind. Ist die Mutter aufgrund ihrer Erkrankung nicht in der Lage, mit ihrem Baby zu kommunizieren, kann das Kind selbst keine ausreichende Bindungssicherheit  entwickeln, insbesondere, wenn keine andere Bindungsperson zur Verfügung steht (Vater, Großeltern etc.). Die Mimik versteinert und die gesamte Entwicklung des Kommunikationsverhaltens stockt. „Hält der Zustand länger an, dann brauchen Mutter und Kind therapeutische Hilfe,“ erklärt Chefärztin Dr. Seidel. Dabei geht es vor allem darum, dass die Beziehungsaufnahme zwischen Mutter und Kind wieder normalisiert wird und Kinder ein sicheres Bindungsverhalten entwickeln können. 

 

Kinder spiegeln häufig ihre Eltern – auch in Punkto Gesundheit.

Auch später in der kindlichen Entwicklung kann sich eine Erkrankung der Eltern auf die Gesundheit der Kinder auswirken. Dabei kommt es auf verschiedene Faktoren an. Eine kurze und vorübergehende Depression, die den Elternteil nicht vollkommen handlungsunfähig werden lässt, muss keine schwerwiegenden Folgen haben. Sind Eltern über einen längeren Zeitraum psychisch krank, zeigen Kinder später auch eher Verhaltensauffälligkeiten. Generell lässt sich sagen, dass Kinder depressiver Eltern eher eine Depression entwickeln als Kinder, die in einem weitgehend gesunden Umfeld aufwachsen. „Man geht aber davon aus, dass es keine genetische Disposition gibt, sondern dass sich diese Depressionen reaktiv entwickeln,“ erklärt Dr. Seidel.

 

Pubertät – wenn die Rebellion mit Rücksicht auf die Eltern ausfällt.

Wenn die natürliche Entwicklung von Jugendlichen unterbunden wird, können psychische Probleme auftreten.

Wenn die natürliche Entwicklung von Jugendlichen unterbunden wird, können psychische Probleme auftreten.

Ob ein Kind selbst krank wird, liegt nicht nur am Schweregrad der elterlichen Erkrankung. Wichtig ist auch der Zeitpunkt, zu dem der Heranwachsende damit konfrontiert wird. Besonders hart trifft es Jugendliche, wenn sie eigentlich selbst dran wären, aus der Rolle zu fallen: in der Pubertät. Wenn das rebellische Verhalten, das Türenknallen und Widerwortegeben ausfallen muss, weil ein Kind aus Rücksicht auf Mutter oder Vater nicht auf Konfrontationskurs gehen möchte, kann das zu Problemen führen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden fällt bei Jugendlichen mit kranken Eltern manchmal einfach weg. Manche Kinder kommen damit klar, andere entwickeln später deshalb selbst Depressionen. 

 

Adoption und Pflegeeltern – für das Kind ein Riss in der Entwicklung.

Wenn Eltern sich krankheitsbedingt nicht um ihre Kinder kümmern können, kann sich das später in Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern niederschlagen. Das gilt auch dann, wenn die leiblichen Eltern sehr früh aus dem Leben der Kinder verschwinden und das Kind bei Adoptiveltern aufwächst. Chefärztin Dr. Seidel sieht unter anderem den Grund dafür darin, dass es für das Kind bei sehr früher Trennungkeine Kontinuität zwischen dem vorgeburtlichen Umfeld und der Situation nach der Geburt gibt. Wächst ein Kind in seiner normalen Familie auf, dann kennt es die Stimmen und Geräusche seiner Umgebung bereits aus der vorgeburtlichen Zeit, weil das Gehör des Fötus bereits im vierten Monat entwickelt ist und es Aussengeräusche, zwar durch die Bauchdecke der Mutter gedämpft, aber dennoch hörbar wahrnimmt. Wird das Neugeborene auf den Bauch der Mutter gelegt, dann ist der Wechsel zwischen Uterus und Außenwelt weniger hart, als wenn alles Bekannte plötzlich fehlt. Hinzu kommt, dass nicht nur dem Kind, sondern auch dem Elternhaus eine Kontinuität fehlt. Adoptiveltern haben – anders als natürliche Eltern – keine neunmonatige Vorbereitungszeit. Ihre Elternschaft beginnt von heute auf morgen. Und das geht oft mit einer Überforderung einher. Spätere Adoptionen bedeuten für das Kind oft mehrere Bezugspersonenwechsel, so dass auch hier die Kontinuität fehlt.

 

Früh mitteilen, woher man kommt.

Auch wenn der Start ins Leben schwieriger ist – adoptierte Kinder müssen keine psychischen Störungen entwickeln, wenn die Familie dem entgegenwirkt. Wichtig, so haben Studien gezeigt, ist vor allem, dass die Kinder früh erfahren, dass sie in einer anderen Familie aufwachsen. „Viele Kinder haben ein Gefühl dafür, dass ihnen etwas abhanden gekommen ist. Wenn sie später durch Zufall von der Adoption erfahren, wird das Weltbild erschüttert,“ weiß Chefärztin Dr. Seidel. Um diese Irritation zu vermeiden, raten Kinder- und Jugendpsychiater dazu, den Kinder möglichst früh mitzuteilen, wie sie in ihre Familie gekommen sind. Auch hier geht es darum, den Kindern soviel Kontinuität wie möglich zu geben.

Hat ein Kind als Kleinkind verstanden, dass Mama und Papa nicht die genetischen, aber die liebenden Eltern sind, dann kann es auch in der Pubertät nicht so leicht aus der Bahn geworfen werden. Eine Garantie, dass ein Kind keine psychische Störung entwickelt gibt es freilich nie: Weder bei adoptierten noch bei nicht adoptierten Kindern, nicht bei Kindern kranker Eltern und nicht bei Kindern gesunder Eltern. 

Wichtig ist aber auch zu wissen, dass Kinder lernen, mit Belastungen des Alltags umzugehen, was sie am Besten können, wenn man sie Konfliktlösungen selbst entwickeln lässt und nicht alle Schwierigkeiten sofort durch den Erwachsenen für das Kind gelöst werden.

 

Unsere beratende Expertin

Dr. Marion Seidel

Chefärztin des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Bad Arolsen. Spezialisiert auf Essstörungen, Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen, Zwangs- und Angststörungen, Depressionen und Traumafolgestörungen.

Profil von Dr. Seidel