Soziale Phobie. Ein Betroffener berichtet.

Heiko Keller, 47 Jahre, hat einen wachen Blick. Seine Augen leuchten, während er von seinem Leben erzählt. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Seit Jahren lebt der Bootsbauer mit Sozialer Phobie, der Angst davor, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Mit fremden Menschen zu sprechen und dabei Augenkontakt zu halten war für Keller bis vor Kurzem nicht nur äußerst unangenehm, sondern löste Stresszustände aus, die ihn regelrecht blockierten.

In sieben Wochen stationärer Therapie in der Schön Klinik Bad Bramstedt hat Keller gelernt, mit seiner Angst umzugehen. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen.

 

Soziale Phobie ist weit mehr als Schüchternheit. Wie hat sich diese Angst bei Ihnen bemerkbar gemacht?

Andere Menschen haben einen extremen Stress in mir ausgelöst. Man kann sich das vielleicht so vorstellen, dass alle Eindrücke ungefiltert auf einen einprasseln. Wenn ich von Menschen umgeben war, war ich nicht mehr in der Lage, mich auf das zu konzentrieren, was ich eigentlich tun wollte. Das geschah nicht nur bei fremden, sondern auch bei vertrauten Personen, wenn auch nicht ganz so intensiv.

 

Können Sie konkrete Situationen beschreiben?

Es ist für mich beispielsweise fast unmöglich gewesen, unter den Augen eines Kunden schnell etwas fertigzustellen. Das hat nichts mit dem handwerklichen Geschick an sich zu tun, sondern einfach damit, in meinem Tun beobachtet zu werden. Oder die ersten Male, als ich hier in der Klinik gegessen habe. Ich musste zig Mal wieder zum Buffet laufen, bevor ich überhaupt essen konnte. Immer vergaß ich etwas. Den Teller, das Messer, die Serviette ... Ich konnte mich in dem Speisesaal einfach nicht konzentrieren, eine massive Reizüberflutung durch Geräusche und Eindrücke und die vielen Menschen überforderten mich, ich fühlte mich von allen beobachtet und stand völlig neben mir.

 

Wie sind Sie im Alltag mit Ihrer Erkrankung umgegangen, bevor Sie sich in Therapie begeben haben?

In der Regel habe ich Anlässe, bei denen ich auf Fremde treffe, eher vermieden. Wenn ich dagegen mit Menschen zusammen bin, die ich sehr gut kenne, habe ich keine so großen Schwierigkeiten. Und meine Freundin zeigte immer sehr viel Verständnis, wenn ich für mich sein wollte.

 

Wie haben Sie Ihren Urlaub verbracht, waren zum Beispiel Flugreisen für Sie überhaupt möglich?

Wenn ich geflogen bin, habe ich immer darauf geachtet, möglichst  als erster oder als letzter einzusteigen. Aber es stimmt schon, dass überfüllte Strände nicht gerade entspannte Urlaubsgefühle bei mir auslösen. Ich bin immer gern, nur mit meiner Freundin, auf einem Segelboot unterwegs gewesen.

 

Sie haben jetzt sieben Wochen stationäre Therapie in der Schön Klinik Bad Bramstedt verbracht. Wie geht es Ihnen heute?

Oh, viel besser. Das hätte ich ehrlich gesagt nie für möglich gehalten. Als ich herkam, hätte ich Ihnen beispielsweise niemals in die Augen sehen können. Wahrscheinlich hätte ich nicht einmal mit Ihnen gesprochen. Im Lauf der Therapie habe ich gelernt, mich mit meinen Gefühlen in Situationen wie diesen auseinanderzusetzen, sie anzunehmen und damit umzugehen. Das ist nicht leicht, funktioniert aber immer besser.

 

Was hat Ihnen im Lauf der Therapie am meisten geholfen?

Das soziale Kompetenztraining, verbunden mit Rollenspielen vor der Kamera, Einheiten wie Selbstwerttraining und die Expositionsübungen waren extrem hilfreich für mich. Darüber hinaus das ungewöhnlich hohe Maß an Menschlichkeit und Freundlichkeit, das ich hier von allen Seiten zu spüren bekommen habe. Das war schon etwas Besonderes.

 

Gab es „Aha-Effekte“?

Ich erinnere mich, dass ich mich mit einem Mitpatienten im Aufenthaltsbereich unterhalten habe. Auch er war wegen Sozialer Phobie hier. Wir redeten davon, dass wir beide keine Menschen mögen. Eine ebenfalls anwesende Mitpatientin meinte daraufhin, dass sie das persönlich nehme. Dabei würden wir sie doch gar nicht kennen. Da wurde mir plötzlich bewusst, wie mich eingefahrene Denkmuster in meinem Leben steuern und ich habe angefangen, das zu hinterfragen und mich für alternative Denk- und Verhaltensweisen zu öffnen. Das ist ja auch eines der zentralen Dinge, die ich dann in der Therapie gelernt habe.

 

Worauf freuen Sie sich jetzt besonders?

Ich bin sehr gespannt darauf, Dinge auszuprobieren, die ich bislang ganz bewusst vermieden habe. Wie Konzerte zu besuchen zum Beispiel oder mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen, gerade wenn mehrere zusammenstehen. Gern würde ich auch anderen Betroffenen Mut machen, sich behandeln zu lassen. Vielleicht halte ich mal einen Vortrag über meine Erlebnisse. Und ich freue mich auch sehr, wieder Golf zu spielen. Vor Jahren war das mal ein Hobby, das ich sehr gern gemacht habe. Irgendwann konnte ich es aber nicht einmal mehr ertragen, wenn irgendwo auf dem Green ein anderer Spieler ins Blickfeld kam. Da war es mit meiner Konzentration vorbei, ich war völlig angespannt und bin vom Platz. Im Rahmen meiner stationären Therapie riskierte ich es und bin zum örtlichen Golfplatz, um ein paar Trainerstunden zu nehmen. Es hat geklappt! Im Beisein des Trainers und unter seinen Blicken – schließlich kontrollierte er ja meine Technik – habe ich es geschafft, nicht nur den Ball zu treffen, sondern mich voll auf das Spiel zu konzentrieren. Golfer werden nachvollziehen können, was für ein gutes Gefühl das ist.

 

Diagnostik & Therapie

Bei der Expositionsbehandlung müssen Betroffene z.B. vor anderen im Speisesaal essen.

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