Cyberchondrie. Die moderne Hypochondrie

Wenn die Angst vor Krankheit durch das Internet getriggert wird.

Cyberchonder finden im Internet alle möglichen Erkrankungen, die sie auf sich projizieren.

Cyberchonder finden im Internet alle möglichen Erkrankungen, die sie auf sich projizieren.

Mit einem Mausklick scheinbare Gewissheit: Es ist doch etwas Schlimmes! Wer „Sodbrennen und Magenschmerzen“ googelt, findet spätestens im vierten Treffer einen Artikel, der den Hinweis gibt, es könne sich auch um ein Magengeschwür oder gar Magenkrebs handeln... Dabei wäre der Spuk vielleicht mit einem Glas Kräutertee schnell wieder behoben. Bei einigen Menschen fällt das unheilbringende Wort „Magenkrebs“ aber auf fruchtbaren Boden. Ihre Angst wächst. Sie sind getrieben von einem Drang, die Symptome erst weiter im Internet zu ergründen, um selbst ihre Diagnose zu manifestieren und anschließend ihren Fund bei einem Arzt abklären zu lassen. Experten haben bereits eine Bezeichnung für diese moderne Art des eingebildeten Kranken gefunden: Cyberchondrie.

 

Fakten zur Cyberchondrie.

Was ist Cyberchondrie?

Cyberchonder sind extremer als Hypochonder.

„Cyberchondrie ist eine Mischung aus den Worten Cyberspace und Hypochondrie“, erklärt Thomas Middendorf, Chefarzt der Schön Klinik Bad Arolsen. „Da heutzutage fast jeder die neuen Medien nutzt, sind viele Hypochonder auch Cyberchonder. Nur sind die Folgen noch extremer.“ Das Internet wirkt in dieser Hinsicht wie ein Katalysator, da es eine Fundgrube für Menschen ist, die hinter jedem Husten einen lebensbedrohlichen Infekt vermuten.

 

Cyberchonder werden durch die Internet-Suche tatsächlich krank.

"Ich bin doch schwer krank." So paradox es ist, Cyberchonder suchen nach der Bestätigung, eine schwere Erkrankung zu haben.

"Ich bin doch schwer krank." So paradox es ist, Cyberchonder suchen nach der Bestätigung, eine schwere Erkrankung zu haben.

Kein Appetit, Müdigkeit, Kopfschmerzen: Was für die einen lediglich ein Grund ist, früh ins Bett zu gehen, treibt andere dazu, stunden- oder sogar tagelang im Internet nach einer Erklärung für die eigenen Symptome zu suchen. Sie sind erst zufrieden, wenn alle potentiellen schlimmen Ursachen ausgekundschaftet  sind.

„Die Patienten, die an Cyberchondrie erkrankt sind, leiden an massiven Ängsten, dass eine schwere körperliche Erkrankung vorliegen könnte“, weiß Herr Middendorf. Der Patient ist also tatsächlich erkrankt, nicht an einer tatsächlich organisch vorliegenden Krankheit, sondern an der Vorstellung, die Krankheit zu haben.

Besonders häufig werden folgende Krankheiten vermeintlich selbst diagnostiziert:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Krebs
  • Nervenkrankheiten wie Multiple Sklerose

Da reichen schon diffuse Symptome wie Schwindel oder Sehstörungen aus. In einschlägigen Internetforen werden die Ängste dann nochmals angeheizt.

 

"Ich bin doch schwer krank." Die Odyssee beginnt.

"Niemand nimmt mich ernst", das erleben Cyberchonder sehr oft.

"Niemand nimmt mich ernst", das erleben Cyberchonder sehr oft.

Mit der selbstgestellten Diagnose und häufig auch schon entsprechenden Behandlungsmethoden im Gepäck, geht es dann zum Arzt. Und manchmal weiter zu einem zweiten, dritten oder vierten Experten – über ein halbes Jahr und länger hinweg. „Das Schlimmste, was ein Arzt dann sagen kann, ist: Sie haben nichts“, ist Herr Middendorf überzeugt. „Dann fühlt sich der Patient nicht ernst genommen. Die Symptome sind ja da. Der Patient leidet. Er wünscht sich eine Erklärung. Lediglich die Bewertung seiner Symptome ist stark übertrieben. Aber hier muss der zu Rat gezogene Arzt erst einmal hellhörig werden.“

 

Wer erkrankt an Cyberchondrie?

Die Ursachen der Cyberchondrie.

Auslöser für eine Cyberchondrie sind häufig seelische Dysbalancen oder ein traumatisches Erlebnis, wie Herr Middendorf berichtet: „Da spielen viele Faktoren rein:

  • Zu wenig Vertrauen in die Welt
  • Zu wenig Vertrauen in den eigenen Körper
  • Probleme im Beruf
  • Probleme in der Partnerschaft
  • Das Erlebnis, wie ein naher Verwandter oder man selbst in frühen Jahren erkrankt ist

Die Folgen können extrem sein, bis hin zur Berufsunfähigkeit.“

 

Wie wird Cyberchondrie therapiert?

In der Therapie: Wie lernt man bei Cyberchondrie Gelassenheit?

In der Schön Klinik soll der Cyberchondrie-Patient lernen, Krankheitsanzeichen angemessen einzuordnen und nicht zu dramatisieren. Zumal ihm zu Anfang oft gar nicht bewusst ist, dass er an Cyberchondrie erkrankt ist. Ärzte und Therapeuten trainieren daher mit den Patienten, gelassener auf die Reaktionen ihres Körpers zu reagieren. „Manche messen ihren Blutdruck 20 Mal am Tag“, berichtet Herr Middendorf, dem zufolge übrigens Frauen und Männer gleichermaßen häufig betroffen sind. „Diese überschärfte Wahrnehmung, diese Autofokussierung, versuchen wir zu mildern, aber auch zugrunde liegende Ursachen gemeinsam mit dem Patienten aufzudecken.“

 

Wichtige Therapieelemente bei Cyberchondrie.

Abhängig von den individuellen Erfordernissen, werden verschiedene Therapieelemente in die Behandlung der Cyberchondrie einbezogen, z.B. :

  • Entspannungsmethoden
  • Aufarbeiten psychischer Belastungssituationen
  • Erkennen persönlicher Grenzen
  • Aufbau bzw. Festigung von sozialen Kontakten
  • Expositionstherapie

Auch eine klassische Expositionstherapie kann bei einer Cyberchondrie zum Programm gehören. Hierbei werden die Patienten mit ihrem Verhalten konfrontiert und lernen, Krankheitssymptome auch einfach mal auszuhalten ohne im Internet zu googlen oder einen Arzt aufzusuchen. „Wir setzen auf einen kontrollierten Internetzugang: z.B. jeden zweiten Tag für eine Stunde“, so Herr Middendorf. „Genauso handeln wir bezüglich Arztbesuchen: Wir vereinbaren, dass der Patient nur noch einmal in der Woche zum Arzt gehen darf – und auch nicht jedes Mal die gleichen Symptome wieder und wieder bespricht.“

 

Nach der Therapie: Doktor Google bleibt künftig draußen!

Nach der Entlassung aus der Klinik wird die Behandlung überwiegend mit einer ambulanten Psychotherapie fortgesetzt. Hierzu gehört auch, den Hausarzt mit einzuweihen, damit dieser sicherstellt, dass sein Patient weiterhin nur in geregelten Abständen in die Sprechstunde kommt – also wie verabredet höchstens einmal in der Woche.

„Cyberchondrie ist nicht von einem Tag auf den anderen weg“, sagt Thomas Middendorf. „Aber meine Patienten können lernen, wieder ein Leben zu führen, dass auch ohne Krankheit ausgefüllt ist. Zwei wichtige Ratschläge gibt er deshalb gerne am Tag der Entlassung mit auf den Weg: „Einfach mal drei Tage abwarten. Wenn es sich bis dahin nicht gebessert hat, dann zum Arzt gehen. Das kann helfen zu erfahren, dass Symptome kommen und gehen. Und Doktor Google einfach mal außen vor lassen.“

 

Hilft die Therapie bei Cyberchondrie wirklich?

Sechs Wochen dauert der stationäre Aufenthalt in der Schön Klinik im Schnitt. Der Erfolg der kognitiven Verhaltenstherapie liegt bei mehr als 80 Prozent. 

 

Unser beratender Experte:

 

Thomas Middendorf

Chefarzt des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Bad Arolsen.

Profil von Thomas Middendorf