Vegane ketogene Diät bei Epilepsie.

Wenn Essen gesund macht.

Menschen, die fasten, haben weniger epileptische Anfälle. Das war schon im Mittelalter bekannt. In der Fastenzeit blieben Anfälle aus, nach dem Fastenbrechen an Ostern tauchten sie auf einmal wieder auf. Wie der anfallsfreie Zustand andauern kann, ohne dass die Betroffenen verhungern, wurde erst um 1920 in den USA herausgefunden: Die Menschen brauchten eine bestimmte Ernährung, die zu einem großen Teil aus Fett besteht. Aus der Erkenntnis entstand die Ketogene Diät. Die Ernährungsform entwickelte sich in ihrer therapeutischen Anwendung bis heute immer weiter. Jetzt gibt es sogar ein Kochbuch für die so genannte vegane ketogene Diät. Geschrieben hat es die Ernährungstherapeutin Susanne Baum von der Schön Klinik Vogtareuth.

 

Wenn Medikamente nicht mehr wirken.

Wenn Patienten auf Medikamente nicht ansprechen, werden Epilepsie und Migräne in Vogtareuth ernährungswissenschaftlich behandelt. Zur Anwendung kommt eine modifizierte Atkins Diät – kurz MAD. Sie beruht auf der Erkenntnis, dass ein bestimmter Prozentsatz an Fett in der Nahrung einen chemischen Prozess im Körper in Gang setzt, bei dem der so genannte „ketogene“ Stoffwechsel einen gewünschten Mechanismus im Gehirn aktiviert. Im Gehirn wird auf Dauer ein Fastenzustand simuliert, der bestimmte neurologische Vorgänge anschiebt. Bei welchem Fettgehalt diese Prozesse in Gang gesetzt werden, ist bei jedem Patienten anders. Deshalb muss auch jeder Patient von einem Ernährungstherapeuten „eingestellt“ werden. Vielen Epilepsie-Patienten kann so geholfen werden. Zwar ist eine Ernährungsumstellung zunächst einmal aufwändiger, als ein Präparat zu schlucken – dafür bleiben Nebenwirkungen aus. 

 

Anfallsfrei durch die vegane MAD.

Unter einer fettreichen Ernährung verstehen die meisten Menschen: viel Fleisch, viel Wurst und dazu noch etwas Sahne. „Falsch“, sagt die Ernährungstherapeutin Susanne Baum. „MAD kann kein Freifahrtschein für eine haltlose Völlerei sein. Und das ist auch gar nicht nötig.“ Tatsächlich beinhaltet die MAD in vielen Formen reichlich tierisches Fett. Es geht aber auch anders, erklärt Susanne Baum. Ziel einer Ernährungstherapie kann schließlich nicht sein, dass die Patienten durch die neue Diät anfallsfrei sind und mit katastrophalen Cholesterinwerten auf einen Herzinfarkt zusteuern. Deshalb entwickelte Susanne Baum eine vegane MAD. 

 

An Alternativen denken: Avocado statt Wurstbrot.

Avocado ist eine leckere Alternative zur Wurst.

Avocado ist eine leckere Alternative zur Wurst.

„Niemand muss sich vegan ernähren. Wenn ich aber mit Patienten zu tun habe, die aus moralischen, religiösen oder persönlichen Gründen kein Fleisch essen, muss ich das ernst nehmen. Da kann ich zu einem Muslim nicht sagen: Pech gehabt, ab heute gibt es Schweinefleisch satt. Der Ernährungsplan muss sich nach dem Patienten richten, nicht umgekehrt. Alles andere ist respektlos und von gestern.“ Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Susanne Baums Kochbuch hat selbstverständlich auch nicht den Anspruch, jeden Leser zum Veganer zu machen. Wenn der ein oder andere MAD-Patient sich aber durch die Rezepte inspirieren lässt, kann er nur gewinnen. „Vielen Menschen, die morgens immer schon Wurst brauchten, fällt gar keine herzhafte Alternative ein. Die kommen schlicht nicht auf die Idee, sich Avocado aufs Brot zu legen. Wenn sie das aber tun, haben sie schon eine vegane Mahlzeit am Tag.“

 

Nicht fanatisch, sondern zeitgemäß.

Das Kochbuch von Ernährungstherapeutin Susanne Baum.

Das Kochbuch von Ernährungstherapeutin Susanne Baum.

„Vegan“ klingt für viele Menschen noch immer nach Fanatismus oder zumindest nach Vollkornsocken und kompromisslosen Ökos. Dabei weiß heutzutage eigentlich jeder, dass es nur gesund sein kann, gelegentlich auf Fleisch und tierische Fette zu verzichten. Gegen einen moderaten Verzehr von Fleisch und Fisch sei zwar generell nichts einzuwenden, nötig ist es aus ernährungswissenschaftlicher Sicht aber nicht – auch nicht im Rahmen einer MAD. Und das ist das Neue am Kochbuch von Susanne Baum: Für Veganer kam eine modifizierte Atkins Diät bisher nicht in Frage. Inzwischen geht das.

 

Geht nicht, gibt’s nicht.

Vegan, laktosefrei, glutenfrei – viele Ernährungsformen schienen lange unvereinbar mit dem hohen Fettgehalt der MAD. Dabei fehlte einfach nur das Angebot. „Im Grunde brauchte man nur etwas Offenheit und ein gewisses Spektrum an Rezepten. Und die stelle ich jetzt zur Verfügung.“ Auch wenn Ernährungstherapien in einem bestimmten Bereich angewandt werden – zum Beispiel bei der Behandlung von Epilepsiepatienten – kann der Patient nicht nur auf einen Aspekt reduziert werden. Ein Epilepsiepatient kann Veganer sein und muss trotzdem nicht auf eine Behandlung mit der ketogenen Diät verzichten. „Das ist es, was wir als Ernährungstherapeuten in einer modernen Klinik bieten müssen: Wir müssen uns den ganzen Menschen ansehen und nicht nur eine Krankheit wegkurieren.“ 

 

Ernährungstherapie auf dem Vormarsch.

Ein Grund, aus dem die Ernährungstherapeutin es für unverantwortlich hält, das Angebot nicht in verschiedene Richtungen auszubauen, ist auch die Entwicklung der Möglichkeiten. Bisher gilt nur als wissenschaftlich erwiesen, dass MAD bei Epilepsie helfen kann. Geforscht wird aber in verschiedene Richtungen. So wird gerade untersucht, inwieweit die Ernährungsform in der Krebstherapie, bei Migräne oder auch bei Diabetes mellitusangewandt werden kann. Erste Erfolge gibt es schon. Auch demenzielle Erkrankungen gelten als möglicher Anwendungsbereich und auch bei Hautkrankheiten macht sich eine positive Wirkung bemerkbar. Wenn alle diese Krankheiten möglicherweise durch Ernährungskonzepte therapiert werden können, ist es schlicht unmöglich, die MAD nur für Allesesser anzubieten. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist gemacht. 

 

Unsere beratende Expertin

Susanne Baum

Diätassistentin an der Schön Klinik Vogtareuth.

Zum Kontakt mit Susanne Baum