Ernährungstherapien bei Epilepsie.

Weniger Anfälle durch spezielle Ernährung.

Bei der ketogenen Diät nehmen Betroffene vorwiegend gesunde Fette zu sich.

Bei der ketogenen Diät nehmen Betroffene vorwiegend gesunde Fette zu sich.

Durch Ernährungsumstellung epileptische Anfälle verringern? Mithilfe der ketogenen Diät oder der modifizierten Atkins-Diät ist das tatsächlich möglich. Dabei wird die Ernährung auf fettreichere, kohlenhydratreduzierte Produkte umgestellt. Wer jetzt an Currywurst, Braten und Burger denkt, liegt falsch. Die ketogene Diät ist das genaue Gegenteil. Es werden vorwiegend gesunde Fette verwendet. So kann nicht nur die Anzahl epileptischer Anfälle verringert sondern auch der Ernährungszustand des Patienten verbessert werden.

Gleichzeitig können durch die Ernährungsumstellung sonst notwendige Medikamente reduziert oder manchmal sogar überflüssig werden. Die sogenannte ketogene Diät oder eine modifizierte Atkins-Diät sind deshalb Therapiemöglichkeiten, die in der Schön Klinik Vogtareuth bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Epilepsie in Betracht gezogen werden. Eingeführt wurde das Konzept der medizinischen Ernährungstherapie bei Epilepsie von PD Dr. Gerhard Kluger, Leitender Arzt der Klinik für Neuropädiatrie und Neurologische Rehabilitation, Epilepsiezentrum  für Kinder und Jugendliche. Denn er weiß: „Es ist natürlich meistens einfacher und viel weniger zeitaufwändig, einen Patienten medikamentös zu behandeln, als seine Ernährung umzustellen. Dennoch lohnt es sich in vielen Fällen.“

 

Schon im Mittelalter beobachtet: In der Fastenzeit verringerten sich die Anfälle.

Dass Fasten heilen kann, weiß der Mensch schon sehr lange. Bereits im Mittelalter wurde beobachtet, dass in den sieben Wochen zwischen Fasnacht und Ostern, wenn Gläubige traditionell kürzer treten, verschiedene Leiden nachließen und pünktlich mit dem Osterfest wieder einsetzten. Menschen mit Epilepsie überstanden die Fastenzeit praktisch anfallsfrei. Bis diese Beobachtung ihren Weg in die Medizin fand, dauerte es allerdings noch einige hundert Jahre. Aus der Erkenntnis, dass sich die Anzahl der Anfälle verringert, wenn ein Körper keine Nahrung bekommt, ließen sich erst einmal keine brauchbaren Schlüsse ziehen.

Der Durchbruch kam erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, als in den USA erkannt wurde, dass der Fastenzustand auch ohne Hungern imitiert werden kann, wenn ein Körper fast ausschließlich Fette angeboten bekommt. So entstand die ketogene Diät. Was einfach klingt, ist tatsächlich ein sehr ausgeklügeltes System: Wer in Eigentherapie zum Pfund Butter greift, bekommt im Zweifel nicht nur mit Ekelgefühlen, sondern auch mit massiven Nebenwirkungen zu tun. „Ernährungstherapien sind medizinisch wirksam,“ erklärt Dr. Gerhard Kluger. „Und nichts, was man medizinisch macht, ist nebenwirkungsfrei.“ In der Schön Klinik Vogtareuth werden die Voraussetzungen des Epilepsiepatienten deshalb genauestens untersucht, bevor es zur Ernährungsumstellung kommt. 

 

Eine Ernährungsumstellung lohnt sich.

„Eine Pille einzunehmen ist immer einfacher, als sich an eine Diät zu halten“, weiß Dr. Kluger aus Erfahrung. Dennoch rät Dr. Kluger dazu, jeden Epilepsie-Patienten über eine Ernährungsunstellung zumindest  zu informieren. „Viele Ärzte setzen Ernährungstherapien nur ein, wenn anderweitige Therapieschwierigkeiten bestehen und Medikamente nicht wirken. Es ist natürlich meistens einfacher und viel weniger zeitaufwändig“, so Dr. Kluger. Doch es lohnt es sich in vielen Fällen, die Mühen auf sich zu nehmen: Wenn Patienten gut auf die Therapie ansprechen, kann ein Großteil der Medikamente eingespart werden. „Sehen wir nach drei Monaten keine Erfolge, dann wird die Diät wieder beendet.“ Erfolg bedeutet für ihn in diesem Fall, dass die Anfallsfrequenz eindeutig messbar zurückgeht. Neuere Studien untersuchen zudem, ob die ketogene Diät aufgrund epigenetischer Mechanismen wirksam ist.

 

Ketogene Diät: keine Einschränkung der Lebensqualität.

In der Ernährungstherapie lernen Eltern und Patienten u.a., welche Nahrungsmittel verwendet werden können.

In der Ernährungstherapie lernen Eltern und Patienten u.a., welche Nahrungsmittel verwendet werden können.

Wenn sich ein Patient  für die ketogene Ernährungstherapie entscheidet, werden für jeden Patienten, egal ob es sich um einen Erwachsenen, Jugendlichen oder Kleinkind handelt, alle Möglichkeiten erarbeitet, wie das Essen selbstständig umgesetzt werden kann. Jede Mahlzeit wird in Zusammensetzung und Speisefolge nach verschiedenen Faktoren, je nach ärztlich verordneter ketogener Ernährungstherapie, genau berechnet. „Die modifizierte Atkins-Diät lässt insgesamt mehr Freiheiten und muss nicht so streng und detailliert berechnet werden wie die ketogene Diät“, erklärt Diätassistentin Frau Baum. „Daher setzt man die modifizierte Atkins-Diät bevorzugt bei Patienten über 3 Jahren ein.“ Nach der Ernährungstherapie wissen die Eltern und Patienten, wie sie Mahlzeiten zubereiten können und wie sie sich im Urlaub, bei Festen oder in der Kantine verhalten müssen.

 

Was kann ich essen? Ernährungstherapie für Eltern & Patienten.

Pizza, Brote ... Betroffene müssen auf nichts verzichten, nur anders herstellen.

Pizza, Brote ... Betroffene müssen auf nichts verzichten, nur anders herstellen.

Ob ketogene Diät oder modifizierte Atkins Diät wer seine Ernährung umstellt, lernt in der Schön Klinik Vogtareuth erst einmal neu kochen. Meist unterrichtet die Diätassistentin Frau Baum die Eltern vieler jungen Patienten: „Auf  Kohlenhydrate und Weizenmehl zu verzichten, klingt erst einmal kompliziert. Tatsächlich kann aber so gut wie jedes Gericht, wie z.B. Broccoliauflauf oder Sachertorte, nachgestellt werden. Als Mehlersatz können z.B. Nuss-, Soja- oder Kokosmehl verwendet werden. Einen Unterschied zwischen einem ketogenen Kuchen und einem mit Weizenmehl hergestellten schmeckt niemand.“

Die Ernährungstherapie in der Klinik dauert  ca.10 Tage, dann sind Eltern und Kinder sowie Erwachsene fit für den Alltag. Das gilt zumindest für die folgenden zwei Jahre. Nach 2 Jahren gibt es die Option, die ketogene Ernährungstherapie langsam, und vor allem ärztlich kontrolliert, auszuschleichen. Allerdings führen die meisten Patienten aufgrund der Erfolge und der guten Umsetzung die Diät weiter.  

 

Unser Interviewparter.

 

Prof. Dr. Gerhard Kluger

Leitender Arzt des Fachzentrums Neuropädiatrie in der Schön Klinik Vogtareuth. Spezialisiert auf neurologische Erkrankungen und Verletzungen bei Kindern sowie Tiertherapie.

Profil von Prof. Dr. Gerhard Kluger

 

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