Zwischen Anfall und Arbeit.

Epilepsie-Patienten im Beruf.

Welche Berufe kann man mit einer Epilepsie noch ausüben?

Welche Berufe kann man mit einer Epilepsie noch ausüben?

Epileptische Anfälle können für Betroffene erhebliche Lebensumstellungen bedeuten. Zu den vielen medizinischen Fragen, die auf einmal auftauchen, gehört auch die nach dem eigenen Arbeitsplatz. Ein plötzlicher Anfall hinter dem Steuer? Eine Bewusstlosigkeit auf dem Baugerüst? Kann der Epilepsie-Patient überhaupt an seinen normalen Arbeitsplatz zurückkehren oder macht ihn das Risiko, jeder Zeit einen Anfall zu erleben, von heute auf morgen arbeitsunfähig? Oder darf die Krankheit einfach verschwiegen werden? Was ist gefährlich, was nicht? Weil Fragen wie diese pauschal nicht zu beantworten sind, gibt es NEA, das Netzwerk Epilepsie und Arbeit. Dr. Stephan Arnold, der leitende Arzt an der Klinik für Neurologie der Schön Klinik Vogtareuth, ist einer der Gründer dieses Netzwerkes. Und er weiß, was in Punkto Beruf und Epilepsie möglich ist und was nicht.

 

Ein Netzwerk für Epilepsie-Patienten im Berufsleben.

Initiiert wurde das Netzwerk 2010 von Peter Brodisch (Leiter der Epilepsie-Beratungsstelle in München), Gerhard Kreis (Ingenieur für Arbeitssicherheit) und Dr. Stephan Arnold. Beteiligt sind inzwischen Neurologen, Betriebsärzte, Kliniken, Beratungsstellen, berufliche Rehabilitationseinrichtungen, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Rehabilitationsträger, Integrationsämter und Selbsthilfeverbände in der gesamten Republik. 2014 wurde das Netzwerk mit der Kurt-Alphons-Jochheim-Medaille ausgezeichnet. Aber was macht dieses Netzwerk überhaupt?

 

Wenn ein Anfall alles ändert.

Manchmal ist es der erste Anfall, der das gesamte bisherige Leben komplett umkrempelt. Manchmal ist es auch eine Epilepsie, die sich nach Jahren der Anfallsfreiheit wieder zurückmeldet. In anderen Fällen kommen Patienten auch mit ihren Anfällen am Arbeitsplatz über viele Jahre gut zurecht, bis ein neuer Vorgesetzter dies in Frage stellt. Wenn epileptische Anfälle auftreten, ein Arbeitgeber Fragen der Arbeitssicherheit strenger bewertet oder der Arbeitsplatz sich ändert, fragt sich ein Epilepsie-Patient von heute auf morgen, wie und ob er überhaupt weiterarbeiten kann. Epilepsie am Arbeitsplatz ist oft der Auslöser für eine allgemeine Unsicherheit. Auf einmal ist der eigene Arbeitsplatz, der strukturierte Tagesablauf,  und damit auch die Existenzgrundlage in Gefahr. Wie geht man damit um?

 

Gemeinsam gegen die allgemeine Verunsicherung.

„Tatsächlich ist es so, dass es immer wieder Probleme gibt, wenn eine Epilepsie neu oder wieder auftritt,“ erklärt der Neurologe Dr. Arnold. „Dann wird üblicherweise zuerst einmal der Betriebsarzt gefragt. Der weiß zwar, wie ein optimaler Arbeitsplatz auszusehen hat, kennt sich aber mit der Krankheit Epilepsie meist nicht aus. Der Betriebsarzt verlangt daher vom Neurologen einen Attest. Dieser kennt wiederum den Arbeitsplatz nicht und schreibt ganz allgemein, dass der Patient ausreichenden Schlaf braucht, nicht an gefährlichen Maschinen arbeiten oder sich nicht aufregen darf.“

Pauschale Atteste bringen weder den Patienten noch seinen Arbeitgeber weiter – davon ist Epilepsie-Spezialist Dr. Arnold überzeugt. Tatsächlich muss jeder Fall individuell betrachtet werden – sowohl was die Epilepsie, als auch den Arbeitsplatz betrifft. Deshalb braucht man Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen und vor allem auch einen gewissen Erfahrungsschatz in der Beratung. Das Netzwerk bringt dieses Wissen auf den Punkt. Schon im ersten Jahr konnten so 80 von 100 Patienten, deren Arbeitsplätze gefährdet waren, geholfen werden.  

 

Das Netzwerk für den Einzelfall.

Jeder Patient wird individuell untersucht und beraten.

Jeder Patient wird individuell untersucht und beraten.

Wenn ein Patient oder auch ein Betriebsarzt sich beim Netzwerk meldet, geht es erst einmal darum, eine Gefährdungsbeurteilung für den Einzelfall zu erstellen. Mediziner klären, wie gut die Epilepsie charakterisiert ist und ob die Medikation optimal greift. Fachleute für Arbeitssicherheit klären die Risiken, die am Arbeitsplatz bestehen. Im Zweifel gibt es eine gemeinsame Arbeitsplatzbegehung. Wenn es sich um einen besonders komplizierten Fall handelt, wird sogar ein runder Tisch organisiert, bei dem alle Beteiligten zusammensitzen und eine Lösung suchen. Diese Lösungen sind so individuell, wie die Fälle selbst. Manchmal können Maschinen zusätzlich gesichert werden, manchmal bekommt der Patient ein anderes Aufgabenfeld zugewiesen, manchmal wird in einem gemeinsamen Beschluß ein gewisses Risiko als vertretbar eingeschätzt. Entspricht das Risiko am Arbeitsplatz einem „alltäglichen Gefährdungsrisiko“, dann gilt ein eventueller Unfall nicht als berufsgenossenschaftlich relevanter „Arbeitsunfall“, sondern als „Unfall während der Arbeit“ – ein wichtiger Unterschied.

 

Berufe mit K.O.-Kriterium.

Natürlich gibt es Berufsfelder, die ein besonders hohes Risiko bergen und Arbeitsplätze, die in der Regel sicher sind. Büroarbeitsplätze zum Beispiel gelten als problemlos. Berufe mit einer ungesicherten Fallhöhe von mehr als einem Meter zählen schon zu den schwierigen Fällen. „Wenn mich ein Jugendlicher mit Epilepsie fragen würde, von welchen Berufen ich ihm abrate, würde ich in jedem Fall Berufe mit beruflicher Fahrtätigkeit und Berufe mit relevanter Fallhöhe nennen, also etwa Dachdecker, Gerüstbauer, Zimmermann. Selbst wenn der Patient medikamentös gut eingestellt ist, sollte man verhindern, dass er Zeit und Energie in eine Ausbildung steckt, bei der er eventuell in einer Sackgasse landet. Für einen Taxifahrer oder Fernfahrer mit Epilepsie gibt es keinen Plan B.“

Einen Plan B gibt es aber für den Koch, der nach einem Anfall vielleicht nicht mehr am Herd arbeiten kann, aber zum Beispiel mit schnittfester Schürze in der kalten Küche. Geht es für einen Patienten tatsächlich nicht weiter in seinem Beruf, dann unterstützt das NEA ihn bei der Suche nach Alternativen und gegebenenfalls bei der Umschulung.

 

Offen über seine Epilepsie reden?

Nicht nur bei der Berufswahl, auch bei der Einstellung in ein neues Arbeitsverhältnis sollte die Epilepsie eine gewisse Rolle spielen. Ob im Büro oder im Krankenhaus: Wer Epilepsie hat und die Krankheit im Vorstellungsgespräch verschweigt, kann deshalb NICHT gleich gekündigt werden. Gleichzeitig muss dem Arbeitnehmer, wenn er noch nicht mindestens ein Jahr anfallsfrei ist, bewusst sein, dass er im Falle eines Unfalls das Risiko selbst trägt. „In solchen Fällen geht es viel um arbeitsrechtliche Fragen,“ erklärt Dr. Arnold. „Wenn eine Säuglingskrankenschwester bei einem Anfall ein Kind fallen lässt, die Krankheit aber verschwiegen hat, dann ist sie ganz persönlich und nicht die Klinik in vollem Umfang verantwortlich. Ich würde deshalb immer dazu raten, den Arbeitgeber wegen der arbeitsrechtlichen Fragen ins Vertrauen zu nehmen. Ebenso zumindest einen Kollegen, der bei einem Anfall gleich Bescheid weiß und helfen kann.“

Dabei geht es zum einen um das Risiko am Arbeitsplatz und zum anderen auch darum, dass überhaupt jemand weiß, was los ist, wenn die Person auf einmal das Bewusstsein verliert, Zuckungen auftreten, oder der Patient umhergeht, mit unkontrollierten Handlungen.

 

Jedes Risiko ist ein Einzelfall.

Maschinen sind in der Regel gesichert, Büroarbeitsplätze gelten als sicher, eine Fallhöhe über einem Meter ist zu vermeiden. Trotzdem: dass es keine allgemeingültigen Regeln gibt, sieht Dr. Arnold immer wieder. In Ausbildungsbetrieben fehlen oft sichere Verkleidungen bei Maschinen, damit die Azubis die Abläufe verstehen. Jugendlichen durch die Ausbildung zu helfen kann deshalb schwieriger sein, als erfahrene Schreiner abzusichern. Dass nicht jeder Büroarbeitsplatz sicher ist, hat Dr. Arnold ebenfalls schon erlebt: In einem alten Bürogebäude gab es noch ein Paternoster, der die Arbeitnehmer in die nächsten Stockwerke brachte. Sein Epilepsiepatient durfte diesen Fahrstuhl nicht benutzen. Und mit Fallhöhen hat nicht nur der Gerüstbauer zu tun, sondern auch der Architekt – aber eben nicht jeden Tag. Manche Patienten sind an ihrem Arbeitsplatz sicher, haben aber große Schwierigkeiten, dort überhaupt hinzugelangen, weil sie kein Auto fahren dürfen. Manchmal hilft dann eine Mobilitätsbeihilfe, manchmal muss der Betroffene umziehen. Eines nur ist klar: Jeder Fall ist ein Einzelfall. Und in der Regel lassen sich Lösungen finden für das zunächst schwierige Thema Beruf und Epilepsie.

 

Unser beratender Experte.

Dr. Stephan Arnold

Leitender Arzt des Fachzentrums Neurologie in der Schön Klinik Vogtareuth. Ärztlicher Leiter der Abteilung Epilepsie für Erwachsene. Spezialisiert auf Epilepsien bei Erwachsenen.

Profil von Dr. Stephan Arnold