Multiple Sklerose. Definition

Was ist eigentlich Multiple Sklerose?

Rechts ein gesundes Gehirn, links ein Gehirn mit Multiple Sklerose

Rechts ein gesundes Gehirn, links ein Gehirn mit Multiple Sklerose

Derzeit kann noch niemand diese Frage wirklich umfassend beantworten. Aber es sind viele Details von Prozessen bekannt, die bei dieser Erkrankung ablaufen. Und man weiß einiges über Faktoren, die das Risiko erhöhen an Multiple Sklerose zu erkranken.

Fehlgeleitetes Immunsystem bei Multiple Sklerose

Es besteht kein Zweifel, dass zumindest ein Teil des zugrunde liegenden Krankheitsprozesses der Multiplen Sklerose, wahrscheinlich sogar der überwiegende Teil, durch eine Entzündung bedingt ist. Dabei greift das Immunsystem fehlgeleitet Anteile von eigenen Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark an (Autoimmunerkrankung). Vor allem die Myelinscheiden, die die Ummantelung der Fortsätze der Nervenzellen (Axone) bilden und dadurch die Leitfähigkeit verbessern, stehen im Visier der außer Kontrolle geratenen Entzündung. Die Abläufe dieser Entzündungsreaktion sind überaus komplex und schließen verschiedene Immunzellen (T- und B-Lymphozyten) und eine Vielzahl von Botenstoffen mit ein. Normalerweise ist das zentrale Nervensystem durch die so genannte Blut-Hirn-Schranke gegenüber Immunzellen relativ gut abgeschottet. Bei der Multiplen Sklerose kommt es jedoch zu einem zeitweisen Zusammenbruch dieser Schranke, und damit ist dem verblendeten Angriff auf die Nervenzellen Tür und Tor geöffnet.

Schubweiser Verlauf der Multiplen Sklerose

Kurzzeitig kann bei Multiple Sklerose z.B. eine Sehstörung auftreten

Kurzzeitig kann bei Multiple Sklerose z.B. eine Sehstörung auftreten

Für die Betroffenen kann sich das mit dem meist relativ raschen Auftreten von bestimmten neurologischen Symptomen bemerkbar machen. Man nennt das dann einen „Schub“. Je nachdem, welche Anteile von Gehirn und Rückenmark gerade entzündet sind, kann es sich z.B. um eine Lähmung, eine Sehstörung oder um einen Sensibilitätsverlust eines Körperteils handeln. Gesunde Anteile des Immunsystems registrieren jedoch, dass hier was total schief läuft. Sie versuchen die akute Entzündung einzudämmen und die Blut-Hirn-Schranke wieder abzudichten. Je nachdem, wie gut es gelingt, die Entzündung zum Abklingen zu bringen, bevor sie irreparable Schäden an den Nervenzellen angerichtet hat, können sich die Ausfälle nach einem Schub vollständig oder nur teilweise zurückbilden. Im günstigen Fall können am Zerstörungsort die schützenden Myelinscheiden wieder aufgebaut werden (Remyelinisierung), anderenfalls verbleiben Defekte mit dauerhafter Vernarbung (Gliose) oder einfach umschriebene Löcher, im Kernspin als „black holes“ bezeichnet.

Die Entzündung kann an anderen Stellen des Nervensystems auftreten

Damit ist die Sache aber meist nur für den Moment ausgestanden. Denn das Immunsystem hat ein ziemlich gutes Gedächtnis, in mancherlei Hinsicht ein besseres als das in unserem Gehirn. Das ist gut, damit auch noch nach langer Zeit ein ungebetener Eindringling, der schon mal versucht hat, bei uns einen Fuß in die Tür zu bekommen, rasch wiedererkannt und hochkant wieder hinausgeworfen wird. Problematisch wird es nur, wenn das Immunsystem paranoid ist und glaubt, der Eindringling sei noch im Haus. Immer wieder kommt es dann zu selbstzerstörerischen vermeintlichen Säuberungsaktionen. So kann bei der Multiplen Sklerose in unterschiedlichen zeitlichen Abständen die Entzündung an anderen Stellen des Nervensystems erneut zuschlagen. Dieses Muster, dass Gehirn und Rückenmark zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten betroffen sind, ist sehr typisch für die Multiple Sklerose. Dies geht auch in die Diagnosekriterien mit ein. Ebenso wurde der Name „Multiple Sklerose“ davon abgeleitet, dass sich schon seit langer Zeit bei der pathologischen Untersuchung an vielen (multiple) Stellen von Gehirn und Rückenmark verhärtete Vernarbungsstellen (Sklerose) feststellen ließen.

Sekundäre Progression bei Multipler Sklerose

85 % aller Multiple-Sklerose-Erkrankungen beginnen mit einem solchen schubartigen Verlauf mit unterschiedlich guter Rückbildung der Symptome und zwischenzeitlicher Ruhe. Nach mehreren Jahren kommt es jedoch bei der Hälfte der Patienten mit einem ursprünglich schubartigen Verlauf zu einer schleichenden Verschlechterung ohne dass in der Regel wesentliche Verbesserungen dazwischen liegen. Das wird dann „sekundäre Progression“ genannt. 15 % der Multiple Sklerose-Betroffenen haben bereits von Beginn an einen schleichend progredienten Verlauf („primär progrediente Multiple Sklerose“) ohne erkennbare Schübe. Bei diesen Verläufen ist offenbar noch ein anderer Krankheitsprozess als die Entzündung am Werk. Es kommt zu einem fortschreitenden Untergang von Nervenzellen und ihrer Fortsätze („axonaler Verlust“). Möglicherweise wird dieser Abbauprozess bestimmter Zellen durch die ursprüngliche Entzündung angestoßen, läuft dann aber ohne sie weiter. Ganz klar ist dieser Teil der Erkrankung noch nicht. Vielleicht setzt sich das, was wir heute als Multiple Sklerose diagnostizieren, aus individuell unterschiedlichen Krankheitsabläufen zusammen, deren genauere Kenntnis uns auch in den Stand versetzen könnte, individuell gezielter zu behandeln.

Fachliche Betreuung

Paulig

Der Beitrag wird betreut durch

Dr. Mario Paulig