Multiple Sklerose. Diagnostik

Wie wird die Multiple Sklerose festgestellt?

Das Grundprinzip der Diagnosestellung einer Multiplen Sklerose ist es, durch die Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese) und die körperlich-neurologische Untersuchung, sowie durch technische Zusatzuntersuchungen (v.a. Kernspintomografie und Nervenwasserpunktion) einen entzündlichen Prozess nachzuweisen, der sich zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten des zentralen Nervensystems bemerkbar macht. Dabei müssen auch andere Erkrankungen mit ähnlichen Mustern ausgeschlossen werden. Dazu zählen z.B. andere Autoimmunerkrankungen und Gefäßentzündungen.

Internationale Diagnosekriterien der Multiplen Sklerose

Man hat sich international auf bestimmte Kriterien geeinigt, bei deren Vorliegen eine Multiple Sklerose diagnostiziert werden kann. Sie wurden im Laufe der Jahre verfeinert und vor allem die Einführung der Kernpintomografie hat dazu geführt, dass die Diagnose wesentlich genauer und früher gestellt werden kann. Lange Zeit konnte eine schubförmige Multiple Sklerose erst diagnostiziert werden, wenn zeitlich getrennt wenigstens 2 Schübe auftraten, die jeweils von verschiedenen Orten des Gehirns oder Rückenmarks ausgingen (Poser Kriterien). Durch die Kernspintomografie konnte man jedoch feststellen, dass es häufig zu neuen, sichtbaren Entzündungsherden (Plaques) kommt, ohne dass die Betroffenen dies durch Symptome eines Schubs bemerken müssen. Trotzdem weisen sie auf ein unbemerktes Voranschreiten der Krankheit hin. 2001 wurden deshalb neue Diagnosekriterien vorgeschlagen (Mc Donald Kriterien), für die es bereits genügt, wenn nach einem möglichen ersten Schub (= klinisch isoliertes Syndrom, oder abgekürzt CIS für englisch clinical isolated syndrome) in mindestens dreimonatigem Abstand kernspintomographisch ein frischer Herd nachgewiesen werden kann, auch wenn keine neuen klinischen Symptome aufgetreten sind. Diese Kriterien wurden 2005 noch einmal revidiert. Mittlerweile kann die Diagnose Multiple Sklerose kernspintomografisch bereits frühestens 30 Tage nach Auftreten erster Symptome bestätigt werden. Im Folgenden sollen einige wichtige Diagnostikinstrumente näher erläutert werden. Die Kernspintomographie und die Lumbalpunktion spielen dabei die herausragende Rolle.

Kernspintomografie (Magnetresonanz-Tomografie, MRT) bei Multiple Sklerose

Bei der MRT kann MS nachgewiesen werden

Bei der MRT kann MS nachgewiesen werden

Durch ein starkes Magnetfeld werden Signale aus unterschiedlichen Geweben des Gehirns und Rückenmarks aufgefangen und mit sehr hoher Auflösung in Schichtbilder umgewandelt. Man kann dadurch auch noch kleinste Veränderungen sehen. Die Untersuchung ist nicht gefährlich. Sie darf jedoch nicht durchgeführt werden bei Herzschrittmacherpatienten, oder wenn sich bewegliche, magnetisierbare Metallteile im Körper befinden. Für Menschen mit Platzangst kann die Untersuchung unangenehm sein, da man in einer relativ engen Röhre liegt, in der es auch noch ziemlich laut ist. Ein vorab gegebenes Beruhigungsmittel ist oft hilfreich. Vereinzelt gibt es mittlerweile auch schon offene Kernspintomografen. Bei der Multiple Sklerose sieht man auf den Aufnahmen multiple Herde vor allem in den Strukturen des Gehirns, wo viele mit Myelinscheiden bemarkte Nervenfasern laufen, also im Marklager von Groß- und Kleinhirn, im den die Gehirnhälften verbindenden Balken, sowie im Hirnstamm. In bestimmten Bildsequenzen stellen sie sich als weiße Flecken auf dem dunklen Hirngewebe da. Indem man über eine Vene Kontrastmittel einspritzt gelingt es, ganz frische Entzündungsherde zu erkennen, die dann besonders hell das Kontrastmittel über die gestörte Blut-Hirn-Schranke aufnehmen. Im Verlauf der Erkrankung können Herde bei erfolgreicher Remyelinisierung wieder verschwinden, oder bei Vernarbung auch noch Jahre später als helle Flecken sichtbar sein. Das Ausmaß der Zerstörung von Nervenzellen kann quantitativ an einer Abnahme des gesamten Hirnvolumens (Atrophie) oder umschrieben auch durch kleine mit Nervenwasser angefüllte Defekte im MRT zu Tage treten. Letztere sind in einer bestimmten Bildsequenz dunkel und werden in der Fachsprache auch als „black holes“ bezeichnet.

Lumbalpunktion (Liquoruntersuchung) bei Multiple Sklerose

Die Lumbalpunktion wird auch bei vielen anderen neurologischen Untersuchungen routinemäßig durchgeführt. Die Risiken einer Blutung oder Infektion, wie sie bei jeder Punktion vorkommen können, sind äußerst gering. Etwa in Höhe zwischen dem 3. und 4. Lendenwirbelkörper wird vom Rücken her eine dünne Nadel in den Zwischenraum wenige Zentimeter tief bis in den unteren Sack der Wirbelsäule vorgeschoben, in dem Nervenwasser (Liquor) fließt, das auch ansonsten Gehirn und Rückenmark umspült. Da beim Erwachsenen das Rückenmark bereits gut drei Wirbelhöhen darüber endet, kann es bei dieser Punktion nicht verletzt werden, obwohl immer noch der irrige Begriff der „Rückenmarkspunktion“ grassiert. Der Eingriff wird in örtlicher Betäubung durchgeführt. Bei einem Teil der punktierten Patienten kann es zu vorrübergehenden Kopfschmerzen kommen, die sich typischerweise im Liegen bessern. Dies hat mit einem vorrübergehenden Unterdruck im System des Nervenwassers zu tun und ist harmlos. Durch die Verwendung so genannter atraumatischer, also besonders dünner Nadeln, ist dieses „postpunktionelle Syndrom“ selten geworden. Im Gegensatz zu früheren Vorstellungen muss man nicht stundenlang nach der Punktion liegen bleiben. Bei der Multiple Sklerose dient die Lumbalpunktion zum Nachweis einer Entzündung des Nervensystems. Typischerweise kann man leichte Erhöhungen der Zahl von Immunzellen und vor allem von bestimmten Antikörperverbänden (oligoklonale Banden) beobachten. In seltenen Fällen kann eine Liquoruntersuchung zu Beginn der Erkrankung noch unauffällig sein.

Evozierte Potenziale

Durch geringfügige elektrische, akustische oder visuelle Reizung bestimmter Eingänge in das Nervensystem kann man bei geeigneter Ableitung mit Oberflächenelektroden über festgelegten Kopf- und Nackenregionen Antworten ableiten, die Rückschlüsse über die Schnelligkeit und Intaktheit der Nervenleitung im zentralen Nervensystem zulassen. Dadurch können manchmal Schädigungsorte aufgedeckt werden, die der klinischen Untersuchung, oder selten mal der MRT, entgangen sind. Besondere Bedeutung haben für die Multiple Sklerose noch die visuell evozierten Potenziale (VEP). Während der Betrachtung eines sich verändernden Schachbrettmusters werden elektrische Potenziale über dem Hinterhaupt abgeleitet. Hierdurch kann z.B. festgestellt werden, ob schon mal eine Sehnervenentzündung abgelaufen ist.

Fachliche Betreuung

Paulig

Der Beitrag wird betreut durch

Dr. Mario Paulig