Demenz. Alltag | Angehörige sollten auch an sich selbst denken!

Das Schnitzel wird wieder nicht in der Pfanne gebraten, sondern direkt auf der Herdplatte. Das schnurlose Telefon liegt zwischen Salatköpfen im Kühlschrank. Das Hemd – schon zum dritten Mal an diesem Tag gewechselt. Endlich 22 Uhr. Schlafen! Doch anstatt im Bett, wird das Nachtlager beharrlich auf dem Wohnzimmerteppich aufgeschlagen...

Das ist der kräftezehrende Alltag von Angehörigen, die einen Demenzkranken pflegen. Sie sind immer im Einsatz. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Oft viele Jahre lang. In solchen Situationen geraten Angehörige körperlich und seelisch an ihre Grenzen. Doch statt sich still ihrer Aufgabe zu stellen, sollten sie auch an sich selbst denken – und rechtzeitig Hilfe holen.

Pflegende müssen sich geduldig zeigen.

Betroffene verlieren Stück für Stück die Erinnerungen und damit ändert sich ihre Persönlichkeit. Für Pflegende bedeutet das Ruhe bewahren.

Betroffene verlieren Stück für Stück die Erinnerungen und damit ändert sich ihre Persönlichkeit. Für Pflegende bedeutet das Ruhe bewahren.

Wer seine demenzkranken Eltern, Geschwister oder Partner über Jahre zu Hause pflegt, muss zuschauen, wie das Haus der Erinnerung langsam niederbrennt. Balken für Balken, Zimmer für Zimmer. Stockwerk für Stockwerk. Unwiederbringlich zerstört. Das ist schwer zu ertragen. Mit dem Vergessen verändert sich die Persönlichkeit des Erkrankten, es wird immer schwieriger an ihn heranzukommen. Aus dem einst sanftmütigen Partner ist vielleicht ein unberechenbarer, zunehmend hilfloser Mensch geworden, der zwischen Aggression, Unruhe und Antriebslosigkeit schwankt. Für sein Verhalten kann der Kranke freilich nichts.

Für Pflegende aber bedeutet das: Ruhe bewahren, sich geduldig zeigen, trotzdem freundlich und zugewandt bleiben. Sie müssen also eine Haltung einnehmen, die es verlangt, möglichst über den Dingen zu stehen. Das gelingt natürlich nicht immer. In solchen Situationen wird der Wunsch übermächtig, für den sich viele Angehörige fast schämen: einmal wieder durchschlafen, ein paar Tage oder einfach mal ein paar Stunden für sich alleine haben.

Regelmäßige Auszeiten sind besonders wichtig.

Damit pflegende Angehörige nicht selbst zum Pflegefall werden, sind regelmäßige Auszeiten besonders wichtig. Die bekommt man nicht geschenkt – man muss sie sich nehmen.

  • Zunächst ist es wichtig, dass Sie an sich selbst denken, und zwar nicht erst zuletzt! Ohne Erholung und Ausgleich geht es nicht. Pflegen Sie Ihre eigenen Interessen, und zwar ohne schlechtes Gewissen.
  • Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus. In Angehörigengruppen kann man über Ärger, Belastungen und Trauer sprechen. Der Austausch mit anderen relativiert die Probleme und entlastet durch die Erfahrung, dass man kein Einzelschicksal ist. Vor allem für Angehörige, die sonst keine Menschen haben, denen sie ihr Herz ausschütten können, ist es wohltuend und hilfreich, bislang unausgesprochene Gedanken und Gefühle einmal ausdrücken zu können.
  • Nehmen Sie sich Urlaub. Ihr dementer Angehöriger hat nichts davon, wenn Sie sich völlig verausgaben und keine Erholungspausen in Ihr Leben einbauen – ganz zu schweigen von Ihnen selbst. Urlaub? Wie soll das gehen – werden Sie sich vielleicht fragen. Ihr Angehöriger braucht ja Betreuung Rund-um-die-Uhr. Bitten Sie innerhalb ihrer Familie um eine Urlaubsvertretung. Lassen Sie Geschwister oder erwachsene Kinder für die Urlaubszeit bei sich wohnen. Ist dies keine Lösung, bietet sich eine Kurzzeitpflege an, die von einigen Alten- und Pflegeheimen angeboten wird. Oder Sie beauftragen einen ambulanten Pflegedienst für die Zeit Ihres  Urlaubs. Hiermit haben bereits viele Angehörige unserer Patienten gute Erfahrungen gesammelt. Wenn Sie zuvor einen entsprechenden Antrag stellen, übernehmen jährlich bis zu vier Wochen die Pflegekassen wenigstens teilweise die Kosten einer solchen Pflegevertretung.
  • Lernen Sie, auch mal „nein“ zu sagen. Das ist gar nicht so leicht, denn oft verschieben Sie als Pflegende gewissermaßen ihre eigenen Bedürfnisse auf den Kranken. Weil niemand da ist, der sich um Ihre eigenen Nöte kümmert, erfüllen Sie die Wünsche ihres demenzkranken Angehörigen und tun ihm sozusagen stellvertretend das Gute, das Sie sich selbst wünschen – und auch bräuchten. Jedes „Nein“, das Sie zu Ihrem Angehörigen sagen, trifft im Grunde Sie selbst. Eine echte Zwickmühle, die sich leicht in Wut und Aggression entladen, aber auch zu heftigen Schuldgefühlen führen kann. Wichtig ist es, dass Sie sich über diesen unbewussten Zusammenhang klar zu werden. Dann können Sie diesen Zustand durchbrechen und immer häufiger mit gutem Gewissen „nein“ sagen.
  • Machen Sie sich klar: Wenn Sie für regelmäßige Ruhepausen sorgen, in denen Sie sich um sich selbst kümmern, sind Sie zufriedener und gesünder. Und umso besser gelingt Ihnen die Begleitung Ihres dementen Familienmitglieds.

Fachliche Betreuung

Müller

Der Beitrag wird betreut durch

Dr. Friedemann Müller


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