Koma: Wenn das Bewusstsein im Tiefschlaf ist.

Störung des Bewusstseins.

Störung des Bewusstseins.

Wann wacht er auf? Diese Frage hatte die Welt monatelang beschäftigt. Nach fünf Monaten im Koma befindet sich Michael Schumacher  nun zur Rehabilitation in einer spezialisierten Klinik in Lausanne.

Doch warum lag er so lange im Koma? Was ist ein Koma überhaupt und warum kommt das Bewusstsein manchmal nach Tagen, manchmal erst nach Jahren wieder zurück? „Koma ist der medizinische Fachbegriff für die schwerste Form einer Störung des Bewusstseins,“ erklärt Dr. Jürgen Herzog, Chefarzt der Neurologischen Rehabilitation und Frührehabilitation an der Schön Klinik München Schwabing. „Wer im Koma liegt,“ so führt Dr. Herzog aus „ist selbst durch starke äußere Reize wie Lärm, Schmerzen oder Ansprache nicht aufweckbar. Es ist der vom Wachsein am weitesten entfernte Zustand.“

 

Koma: Schädigungen im Hirnstamm verhindern das Aufwachen.

Das Leben ist da, nur das Bewusstsein fehlt: Bei einem komatösen Patienten hat meist die Großhirnrinde oder ein Teil der Großhirnrinde die Funktion eingestellt. Dieser äußere Mantel an Nervenzellen, der das Gehirn umgibt, ist dafür verantwortlich, dass Menschen Dinge tun und wahrnehmen können. In der Großhirnrinde ist beispielsweise die Sprache lokalisiert und die Fähigkeit, Arme und Beine willkürlich zu bewegen. Sind innerste Gehirnstrukturen (insbesondere der Hirnstamm) geschädigt, sind meist Nervenzellgruppen betroffen, die für Schlucken und Wachsein zuständig sind. Der Patient verliert durch die Verletzung die Fähigkeit, wach zu werden.

Koma ist nicht gleich Koma.

Wie tief ein Mensch im Koma liegt, dafür gibt es die klinische Differenzierung der Komatiefe, die im Auftrag der World Federation of Neurosurgery erstellt wurde. Die Komatiefe wird in vier verschiedene Grade eingeteilt, die die Schwere der Hirnschädigung widerspiegeln. Grad IV grenzt unmittelbar an das Hirntodsyndrom und ist die schwerste Form. 

 

Schwere Verletzungen „stressen“ das Gehirn.

Welche medizinischen Ursachen letztlich zu einem Koma führen, ist sehr unterschiedlich. Das kann zum einen ein Schlaganfall sein, ein Tumor, eine Hirnhautentzündung, ein Gefäßverschluss oder eine Hirnblutung. Zum anderen können auch äußere Einflüsse, wie ein Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma, wie bei Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher, der Auslöser sein. Michael Schumacher stürzte beim Ski fahren und zog sich eine schwere Kopfverletzung zu, die zu einer Blutung im Inneren des Gehirns führte. Noch auf der Piste verlor er das Bewusstsein. Im Krankenhaus wurde zunächst das Blutgerinnsel im Kopf entfernt. Kommt es innerhalb des Schädels zu Blutungen, dann wird schnell ein starker Druck auf das Gehirn ausgeübt. Hinzukommt, dass das Gehirn bei schweren Verletzungen regelrecht unter Stress steht und beginnt, anzuschwellen. „Im Grunde werden die gleichen Entzündungsreaktionen ausgelöst, wie im restlichen Körper auch, nur ist im Kopf kein Platz dafür. Der harte Schädelknochen verhindert, dass das Gehirn nicht anschwellen kann, ohne Quetschungen zu erleiden. Das führt dann schnell zur Zerstörung von Nervenzellen,“ führt Dr. Herzog aus. Um Platz zu schaffen, entfernen Mediziner heutzutage deshalb Teile des Schädelknochens und versetzen den Patienten in ein künstliches Koma.

 

Warum wird man in ein künstliches Koma versetzt?

„Künstliches Koma“ ist ein unglücklicher Begriff, eigentlich ist das künstliche Koma eine starke Narkose“, erklärt Dr. Herzog. Wird ein Patient ins künstliche Koma versetzt, bekommt er Schmerzmittel und starke Schlafmittel. Der Sinn des künstlichen Komas, so der erfahrene Neurologe, besteht darin, dass man den Patienten in einen Zustand versetzt, in dem äußere Stressfaktoren wegfallen. Im Koma kann sich das Gehirn demnach am besten erholen. Es wird vor Stress bewahrt und der gefährliche Druck reduziert sich langsam. In der Regel dauert dieser Zustand ein paar Tage, spätestens nach vier Wochen wird versucht, den Patienten aus dem künstlichen Koma zu holen. Infusionen werden langsam reduziert, innerhalb von Stunden oder Tagen kann der Patient das Bewusstsein wiedererlangen. Das ist der größte Unterschied zwischen künstlichem Koma und Koma: Aus einem normalen Koma kann niemand „geholt“ werden. Aber auch bei einem künstlichen Koma kann es sein, dass der Patient nicht aufwacht, sondern erst einmal im ursprünglichen Koma „seiner Erkrankung“ verbleibt.

 

Was folgt nach dem künstlichen Koma?

Wie ein Koma verläuft, kann niemand genau vorhersagen. Das liegt aber weniger am Koma, als an seinem Ursprung. „Man darf nicht vergessen, dass der Auslöser eine Hirnschädigung ist. Das künstliche Koma ist weniger das Problem, als vielmehr die vorausgegangene Verletzung des Gehirns. Niemand kann voraussagen, wie sich diese auswirkt“, so Dr. Herzog.
Wird ein künstliches Koma beendet, folgt entsprechend das Warten, ob und wie der Patient das Bewusstsein wiedererlangt. „Das kann, je nach Zustand der zu Grunde liegenden Hirnschädigung Stunden bis Jahre dauern. Manchmal ist die Verletzung so schwer, dass das Bewusstsein gar nicht wiederkommt.“ Dann verbleibt der Patient im Koma oder auch im Wachkoma, einem Zustand, in dem Patienten die Augen öffnen, aber kontaktunfähig bleiben.

 

Die ersten Zeichen des Erwachens.

Gelangt ein Patient zu Bewusstsein, dann bemerkt der Arzt dies an ersten Reaktionen. „Patienten fangen an, schneller zu atmen, sich zu bewegen, zu grimassieren. Es ist wie ein morgendliches Erwachen aus einem Tiefschlaf,“ beschreibt Dr. Herzog. Durch Tests wird immer wieder überprüft, welche Sinneswahrnehmungen beim Patienten ankommen.

 

Ist ein normales Leben nach einem Koma jemals wieder möglich?

Ist der Patient „erwacht,“ dann ist er nur sehr selten sofort wieder „der Alte.“ Sein Zustand hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum einen von der Schädigung des Gehirns und zum anderen von der Koma-Dauer. Wurde ein Patient mit einer mäßigen Hirnschädigung für zwei Tage in ein künstliches Koma versetzt, dann kommt er vielleicht in kurzer Zeit wieder ganz zu sich. Die meisten Patienten haben allerdings mit neurologischen Folgeschäden zu kämpfen. Je nach Schädigung, kann das zum Beispiel eine Schluckstörung, Sehstörung oder eine motorische Störung sein. Aus diesen Gründen folgt für viele Patienten nach dem Erwachen erst einmal die neurologische Rehabilitation. Manche Schädigungen bilden sich dort zurück, andere bleiben. „Etwa ein Viertel der betroffenen Patienten lernt nach der langen Zeit im Bett wieder zu gehen, zu schlucken und zu greifen und kommen tatsächlich in einem selbstbestimmten Leben an“, berichtet Dr. Herzog. „Aber ein Viertel der Patienten bleibt auch in einem Zustand schwerer Bewusstseinsstörung oder verstirbt.“ Etwa die Hälfte der Patienten ist nach dem Koma dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen.

 

Unser Interviewpartner.

 

Dr. Jürgen Herzog

Chefarzt Neurologische Rehabilitation und Frührehabilitation, Schön Klinik München Schwabing.

Profil von Dr. Jürgen Herzog

 

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