Das Recht auf eine zweite Meinung.

Wer sich unsicher ist, sollte Rat bei einem weiteren Arzt einholen.

Wer sich unsicher ist, sollte Rat bei einem weiteren Arzt einholen.

Zweifel an Diagnose oder Medikation, Angst vor einem Eingriff oder einfach nur Verständnisschwierigkeiten: Wer als Patient nach dem Besuch bei seinem Arzt unsicher ist, sollte einen Kollegen um eine Zweitmeinung bitten. Das klingt selbstverständlich und eigentlich hat in Deutschland jeder gesetzlich Versicherte ein Recht auf eine Zweitmeinung. Trotzdem ist das oft leichter gesagt als getan... Dennoch hilft fast jedem 2. Patienten die ärztliche Zweitmeinung. In der Orthopädie kommt es sogar in 60% der Fälle zu ergänzenden oder alternativen Therapievorschlägen.

 

Zweitmeinung ist bei vielen neurologischen Erkrankungen empfehlenswert.

Patienten, die zu Prof. Dr. Andrés Ceballos-Baumann gehen, Chefarzt für Neurologie und Klinische Neurophysiologie und der Parkinson-Fachklinik an der Schön Klinik München Schwabing, kommen meistens nicht, um eine Zweitmeinung einzuholen. „Da geht es oft eher um die Dritt- oder Viertmeinung. Alle Patienten, die ich behandle, wurden vorher schon von einem oder mehreren Neurologen gesehen. Das ist bei chronischen Krankheiten wie Parkinson auch empfehlenswert.“ Auch bei verwandten Krankheitsbildern wie Restless-Legs, Tics, Tremor, Morbus Wilson oder bei speziellen Therapien wie der tiefen Hirnstimulation rät der Chefarzt zur Zweitmeinung. Das gilt im übrigen auch für weitere chronische Krankheiten wie Multiple Sklerose und Myasthenie.

 

Kein Arzt sollte die Meinung eines weiteren fürchten.

Parkinson zum Beispiel ist eine Krankheit, die voranschreitet und bei der sich Symptome verändern. Im Verlauf muss die Therapie immer wieder angepasst werden. Da bietet es sich an, gelegentlich einen Kollegen drauf schauen zu lassen. Eigentlich ist das ein klassischer Vorgang. Trotzdem sieht es nicht jeder Mediziner gern, wenn Patienten scheinbar seine Kompetenz anzweifeln und Kollegen die laufende Therapie in Frage stellen.

„Wir erleben gelegentlich, dass andere Kollegen das Gebot der Zweitmeinung nicht goutieren,“ erzählt Prof. Ceballos-Baumann. Natürlich würde kein Arzt offen zugeben, dass er das Urteil eines anderen fürchtet. Missmut wird in solchen Fällen eher unterschwellig deutlich, indem die Zusammenarbeit blockiert wird. „Das kann sich so äußern, dass man keine Befunde bekommt, oder bei einem Privatpatienten, der stationär eingewiesen werden soll, darum kämpfen muss, einen kurzes Schreiben für den Kostenträger zu bekommen.“ Manchmal möchte der Patient auch nicht, dass sein Arzt von der Zweitmeinungskonsultation erfährt und der Bericht an den behandelnden Neurologen geschickt wird. Sträubt sich ein Arzt bei der Bitte um Zweitmeinung, rät er zum Arztwechsel.

 

Erfahrungsaustausch willkommen.

„Wenn ein Patient mich skeptisch anschaut, wenn ich ihm eine eventuell einschneidende Therapie wie eine Medikamentenpumpe empfehle, rate ich ihm dazu, sich eine zweite Meinung einzuholen. Ich halte das gerade bei chronischen Krankheiten wie Parkinson für wichtig, um die Vertrauensbasis zu sichern“, so der Parkinson-Experte. Von dem zweiten Urteil profitiert aber im Idealfall nicht nur der Patient, sondern auch der Arzt. Wenn Ärzte mit bestimmten Krankheitsbildern oder - verläufen wenig Erfahrung haben, bitten sie auch schon einmal selbst darum, dass ein Spezialist den eigenen Patienten einmal anschaut.

An der Neurologie der Schön Klinik München Schwabing findet der Austausch unter Medizinern deshalb nicht nur im Ausnahmefall, sondern bewusst regelmäßig statt. „Wir arbeiten in einem Netzwerk mit niedergelassenen Kollegen zusammen. Zum Teil beraten wir die Kollegen auch über  die zugeschickten Videoaufnahmen des Patienten oder direkt im Rahmen der ambulanten videounterstützten Parkinson-Therapie. Das funktioniert sehr gut und bringt alle Beteiligten weiter,“ erklärt Prof. Ceballos-Baumann. 

 

Oft ist eine Korrektur der Erstbehandlung notwendig.

Tatsächlich erleben es Prof. Ceballos-Baumann und seine Kollegen nicht selten, dass bei einer Zweitkonsultation Behandlungsmängel gefunden werden. „Manchen Kollegen fehlt die Erfahrung bei bestimmten Krankheiten. Die halten sich dann genau an diemedizinischen Behandlungspfade, die so genannten Leitlinien, sind aber nicht für jeden Patienten in jeder Situation geschrieben und die Medikation bedarf bei einer chronischen Krankheit ebenfalls einer ständigen kritischen Kontrolle. „Da erleben wir teilweise Mängel im bizarren Ausmaß. Es gibt zum Beispiel Medikamente, die im Frühstadium von Parkinson sehr sinnvoll sind, später im Verlauf aber zu Tagesschläfrigkeit und Halluzinationen führen. Trotzdem wird die Medikation dieser neuen Situation nicht angepasst. Nebenwirkungen von bestimmten Parkinson-Medikamente wie Spielsucht, gesteigertes sexuelles Interesse, Essattacken werden gar nicht erfragt.“

Fallen Schwächen im Medikamentenplan bei einer Zweitmeinungs-Vorstellung auf, dann ist Diplomatie gefragt. Prof. Ceballos-Baumann rät dazu, dem Patienten aufzuzeigen, dass es verschiedene Behandlungswege gibt und dass man selbst anders vorgehen würde. Von Kollegenschelte rät er ab. Auch eine andere Therapie zu verteufeln, verunsichert den Patienten und vergiftet die Verhältnisse. Am Ende wird der Patient selbst entscheiden, ob er seinem alten Arzt die Treue hält, den Arzt wechselt oder bei seinem Arzt um eine andere Therapie bittet.  

 

Gut vorbereitet zur zweiten Untersuchung.

Wer sich aufmacht, um eine Zweitmeinung einzuholen, tut gut daran, sich auf den Termin vorzubereiten. Vor allem sollten bei einer Krankheit wie Parkinson der aktuelle Medikamentenplan und verfügbare Arztberichte mitgebracht werden. Bei mir  bekommt der  Patient, bevor er zum Termin erscheint, zusätzlich einen Fragebogen zugeschickt. „Wir fragen schon im Vorfeld einiges an typischen Parkinson-Problemen ab,“ erläutert Prof. Ceballos-Baumann das Vorgehen. „Wenn wir über verschiedene Symptome bescheid wissen und der Patient einen Medikamentenplan genau ausgefüllt hat, verlieren wir beim Termin keine Zeit.“ In der Aufregung vergessen Patienten nämlich schon mal, wie Medikamente heißen und wie lange sie schon eingenommen wurden. Am Ende bleibt das gute Gefühl, sich zwischenzeitlich in die Hände eines zweiten Fachmanns zu begeben. Denn vier Augen sehen immer mehr als zwei.  

 

Unser beratender Experte

Prof. Dr. Andres Ceballos-Baumann

Chefarzt des Fachzentrums Neurologie und klinische Neurophysiologie in der Schön Klinik München Schwabing. Spezialisiert auf die Behandlung von Parkinson & Bewegungsstörungen.

Profil von Prof. Dr. Andres Ceballos-Baumann