Zum Risiko einer Hirnblutung durch Sport

Chefarzt Dr. Herzog zum Risiko von Hirnverletzungen

„Sport ist Mord“ – mit diesem Argument drücken sich Sportmuffel gerne vor jeder Bewegung. Sie wussten schon beim Schulsport: ein Ball auf den Kopf, einmal unglücklich fallen und schon kann es vorbei sein... So ist es zum Glück nicht. Wer sich bewegt, lebt grundsätzlich gesünder. Natürlich gibt es bei manchen Sportarten mal einen Schlag auf den Kopf. Aber selbst Boxen führt seltener zu einer Hirnblutung, als Sportmuffel denken. Dr. Jürgen Herzog, Chefarzt der Neurologischen Rehabilitation und Frührehabilitation der Schön Klinik München Schwabing, erklärt wie hoch das Risiko für eine Hirnblutung durch einen Sportunfall tatsächlich ist.

 

Herr Dr. Herzog, wie gefährlich ist Sport?

Dr. Herzog: Jede Sportart birgt ein gewisses Risiko. Es gibt natürlich Sportarten mit einer höheren Prädestination für Hirnblutungen. Golf, Tischtennis oder Yoga gehören eher nicht dazu. Gefährlicher sind Sportarten mit gezielten Schlägen auf den Kopf, wie Boxen oder American Football. Es gibt auch Sportarten, bei denen Erschütterungen des Kopfes lediglich das Ergebnis von Unfällen sind. Skifahren ist ein Risikosport, weil es durch den unebenen Untergrund oft zu Stürzen kommt. Hirnblutungen treten außerdem bei Sportarten auf, bei denen es zu großen Druckveränderungen im Schädel kommt. Das wird vor allem dann gefährlich, wenn ein nicht erkanntes Aneurysma reißt. So etwas kann beim Bergsteigen in extremen Höhen, beim Apnoetauchen oder auch beim Gewichtheben passieren.

 

Was ist mit großen Beschleunigungen wie zum Beispiel beim Bungeejumping?

Dr. Herzog: Beschleunigung hält das Gehirn gut aus. Sonst hätten Formel-1-Fahrer ständig Hirnblutungen. Bungeejumping ist dagegen relativ ungefährlich. Der freie Fall, das Abbremsen, das Auspendeln, all das ist für den Kopf kein Problem. Die Verletzungs- und Komplikationsrate beim Bungeejumping ist generell sicher geringer als beim Fensterputzen!

 

Wie ist es mit Ausdauersportarten wie Marathonlaufen?

Dr. Herzog: Beim Marathon kommt es zu moderaten Blutdruckerhöhungen. Da sehe ich aber kein Problem für das Gehirn. Außerdem ist selbst der durchschnittlichste Hobbymarathonläufer gut trainiert.

 

Raten Sie Risikopatienten von bestimmten Sportarten ab?

Dr. Herzog: Wenn wir von einer Gefäßmissbildung im Kopf wissen, dann raten wir Patienten von bestimmten Dingen ab. Sie sollten auf Sportarten verzichten, bei denen der Druck im Schädelinneren steigen kann, also Gewichtheben, Extrembergsteigen und Tieftauchen. Gerade Druckveränderungen in den Adern können Blutungen auslösen. Wir würden aber kaum jemandem mit einem nachgewiesenen Aneurysma davon abraten zu schwimmen, Rad zu fahren oder zu laufen. Allerdings kann ein Aneurysma beim Sport genauso reißen wie im Schlaf oder beim Straßenbahnfahren.

 

Was passiert beim Boxen und beim American Football?

Boxer haben, wenn sie k.o. gehen, nicht jedes Mal eine Hirnblutung, sondern meist eine Gehirnerschütterung.

Boxer haben, wenn sie k.o. gehen, nicht jedes Mal eine Hirnblutung, sondern meist eine Gehirnerschütterung.

Dr. Herzog: Im Grunde passiert es selbst beim Boxen selten, dass Blutungen mit schwerwiegenden Symptomen auftreten. Boxer haben, wenn sie k.o. gehen, nicht jedes Mal eine Hirnblutung, sondern meist eine Gehirnerschütterung. Allerdings sind wiederholte Schläge gefährlich, weil es dadurch zu Mikroblutungen kommen kann, die lange unbemerkt bleiben.

Beim American Football gibt es eine deutlich höhere Rate an Hirnverletzungen, Hirnblutungen und Erschütterungen. Das hat meist weniger mit dem einzelnen Schlag, als mit der Dynamik des Spiels zu tun. Wenn die Sportler einen Schlag abbekommen, gehen sie meistens nicht vom Platz, sondern spielen verletzt weiter. Einem „second hit“ sind sie dann schutzlos ausgesetzt und der hat oft fatale Folgen. Insbesondere amerikanische Neurologen diskutieren derzeit ernsthaft darüber, ob man American Football speziell in Schulen verbieten sollte.

 

Es geht also nicht nur um den Schlag, sondern um die Situation?

Dr. Herzog: Es spielt eine große Rolle, ob man auf eine Erschütterung vorbereitet ist. Beim Boxen wird der Schlag erwartet, beim Skifahren nicht. Deshalb ist auch der Kopfball beim Fußball nicht gefährlich. Da kommt es zwar zur Erschütterung, aber die Bälle treffen kontrolliert auf. Der Fußballer spannt die Nackenmuskeln an und nimmt den Ball mit einer stabilen Stelle, nämlich mit der Stirn entgegen. Die Konstruktion des Schädels ist alles in allem sehr sinnvoll, um vor Blutungen zu schützen.

 

Wie erkenne ich nach einem Sturz, dass ich zum Arzt gehen sollte?

Dr. Herzog: Sie merken es! Es wird Ihnen schnell schwindelig, Sie sehen Sternchen, spüren einen ungewöhnlicher Kopfschmerz, der vielleicht lokalisiert ist. Das sind Warnsymptome. Es gibt auch dramatischere Symptome wie Gedächtnisverlust, Sprachstörungen, Schwächegefühl einer Körperhälfte – das ist dann ein klarer Fall für den Notarzt. Bei einer leichteren Gehirnerschütterung sollten Sie die Symptome beobachten. Wenn Schwindel und Übelkeit nach einer gewissen Zeit nicht verschwunden sind, sollten Sie ebenfalls einen Arzt aufsuchen.

 

Kann ich den Unterschied zwischen Erschütterung und Blutung erkennen?

Dr. Herzog: Nein. Bei einer genauen neurologischen Untersuchung sehen wir Differenzen der Reflexe, milde Sprachstörungen, Pupillenseitendifferenzen. Das muss aber nicht sein. Es gibt auch symptomarme Hirnblutungen.

 

Kann ich Schädelverletzungen vermeiden?

Dr. Herzog: Man kann nicht jeden Sturz vermeiden. Aber es ist sinnvoll bei vielen Risikosportarten einen Helm zu tragen, um den Schädel zu schützen. Beim Skifahren und Bergsteigen hilft ein Helm effektiv. Das gilt auch fürs Radfahren, unabhängig davon, ob es um „Sport“ wie Mountainbiken geht oder um den Weg zur Arbeit.

 

Dr. Jürgen Herzog

Chefarzt Neurologische Rehabilitation und Frührehabilitation, Schön Klinik München Schwabing.

Profil von Dr. Jürgen Herzog

 

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