Wachkoma. Das Syndrom reaktionsloser Wachheit.

„Unsere Patienten können wieder aufwachen.“

Patienten im Wachkoma haben die Augen geöffnet, sind aber dennoch nicht bei Bewusstsein.

Patienten im Wachkoma haben die Augen geöffnet, sind aber dennoch nicht bei Bewusstsein.

Wachkoma. Kann es einen solchen Status überhaupt geben? Ist der Mensch nicht entweder wach oder im Koma? Diese Frage wird unter Neurologen aktuell rege diskutiert. Die moderne Neurorehabilitation und bildgebende Untersuchungs-verfahren fördern erstaunliches ans Licht – und geben vielen Betroffenen Grund zur Hoffnung.

Was bedeutet diese Diagnose also für Patienten und Angehörige? Kann der Schwerverletzte wieder ein Bewusstsein erreichen? Wieder seine Angehörigen erkennen, auf Fragen reagieren und eines Tages aus dem Bett aufstehen und wieder ein normales Leben führen? „Nichts ist unmöglich!“, davon ist Dr. Jürgen Herzog, Chefarzt der Neurologischen Frührehabilitation der Schön Klinik München Schwabing, überzeugt. „Wir sollten einige althergebrachte Wege verlassen und unseren Patienten eine Chance geben.“

 

Wachkoma. Was ist das?

Patienten im Wachkoma, die in die Neurorehabilitation der Schön Klinik München Schwabing gebracht werden, haben die Augen geöffnet, sind aber nicht bei Bewusstsein. Vereinzelt zeigen sie allerdings Zeichen einer gewissen Wahrnehmung – Sie reagieren zum Beispiel auf laute Geräusche, wenden den Kopf. Auch scheinen Sie manchmal vor allem beim Anblick von vertrauten Personen zu lächeln. „Die Patienten zeigen also äußere Zeichen der Wachheit, aber nach unserem Verständnis haben sie keinerlei Bewusstsein. Die sogenannten höheren Hirnfunktionen sind erloschen“, erklärt Chefarzt Dr. Jürgen Herzog.
Auslösende Faktoren für ein solches Wachkoma sind zum Beispiel ein Sauerstoffmangel des Gehirns – häufig nach einem Kreislaufversagen mit Herzstillstand, wenn der Patient durch eine Reanimation zurück ins Leben geholt wurde. Auch schwere Schlaganfälle, Hirnblutungen oder ein Schädelhirntrauma nach Verkehrsunfällen oder Stürzen können Patienten in ein Wachkoma versetzen.

 

Das Syndrom reaktionsloser Wachheit.

„Noch vor wenigen Jahren gingen Mediziner davon aus, dass dieser Zustand nach einer bestimmten Krankheitsdauer nicht mehr veränderbar ist“, erzählt Dr. Herzog. „Heutzutage hat man das wieder etwas zurückgenommen. So sprechen wir Neurologen bei Schädel-Hirn-Trauma-Patienten erst frühestens nach sechs Monaten ohne Veränderung von einem bleibenden Wachkoma. Bei allen anderen Hirnverletzungen sollte sich etwa drei Monate nach Beginn die  Symptomatik nichts am Status des Patienten verändert haben, um diese Diagnose zu stellen.“
Auch die Bezeichnung „Wachkoma“ wird durch die sprachliche Irreführung heute eigentlich nicht mehr verwendet. „Persistierend vegetativer Status“ hat sich in der Medizin etabliert. Respektvoller gegenüber seinen Patienten und passender gegenüber ihrem Status, empfindet Dr. Herzog aber eine neue Bezeichnung aus dem englischsprachigen Raum: „Unresponsive Wakefulness Syndrome“ – übersetzt etwa „Syndrom reaktionsloser Wachheit“.

 

Gibt es ein Bewusstsein in der Bewusstlosigkeit?

Die große Frage, die sich aktuell den Medizinern stellt ist schwierig: Was nehmen Wachkoma-Patienten wahr? Können Sie hören, fühlen und denken, sich aber nur nicht äußern? Neuere wissenschaftliche Arbeiten, insbesondere unter Verwendung der funktionellen Kernspintomographie, bringen das bisherige medizinische Weltbild ins Wanken. In einer bahnbrechenden Arbeit legten Wissenschaftler Wachkoma-Patienten in einen Kernspintomographen. Sie forderten die Patienten über einen Kopfhörer dazu auf sich vorstellen, Tennis zu spielen. 20 Minuten wurde den Patienten im Scanner ein virtuelles Tennisspiel vorgeredet – Vorhand, Rückhand, Aufschlag. Danach schauten sich die Wissenschaftler die Aufnahmen vom Gehirn der Patienten an. Mit großer Überraschung stellten sie fest, dass bei den Wachkomapatienten die gleichen Areale im Gehirn aktiv waren, wie bei gesunden Probanden. Diese hatten exakt die gleiche Aufgabe absolviert. Und bei beiden Gruppen waren die Areale für räumliche Wahrnehmung und Bewegung aktiv.
„Mit Blick auf die Wachkomapatienten die an dieser Studie teilgenommen haben, war damit doch ein klares Bewusstsein nach unserem Verständnis vorhanden. Denn die Patienten konnten verbale Aufforderungen verstehen und interpretieren“, erzählt Dr. Herzog begeistert. „Die Medizin muss ihr Verständnis von Wachkoma also überdenken!“

 

Bewegung ist der stärkste Reiz um wieder aufzuwachen.

Medizinern wie Dr. Herzog ist zudem bewusst, dass der Zustand von Wachkomapatienten durch moderne Neurorehabilitation erheblich verbessert werden kann. „Etwa ein Viertel der Wachkomapatienten erlangt im Langzeitverlauf tatsächlich ein echtes Bewusstsein zurück“, beobachtet der Chefarzt. „Gleichzeitig gilt allerdings auch für 90 Prozent derjenigen, die wach geworden sind, dass sie in einem körperlich schwer beeinträchtigten Zustand verbleiben. Aber die Patienten sind eben wach und kontaktfähig!“
Der stärkste aktivierende Reiz hierfür ist die Mobilisierung. So werden die Patienten in der Schön Klinik aufgerichtet, zum Beispiel durch die Hilfe mehrerer Therapeuten auf die eigene Bettkante gesetzt. Auch roboterunterstützte Geräte helfen. Diese simulieren auch für schwer bewusstseinsgestörte Patienten Gangbewegungen in halbliegender Position. So „glaubt“ das Gehirn selbstständig zu laufen und wird in diesen Arealen wieder aktiv. Auch spezielle Berührungen oder wiederkehrend gleichlautendes Ansprechen können Kanäle des Unterbewusstseins erreichen und so das Erwachen verstärken. „Sie müssen sich das so vorstellen wie bei einem schlafenden Menschen: Wir versuchen ihn nicht durch Rütteln zu wecken, sondern indem wir uns nah an sein Ohr stellen und immer wieder seinen Namen nennen“, erläutert Dr. Herzog.

 

Wie wirkt sich die Therapie aus? Wie erholen sich Wachkomapatienten?

Die Schön Klinik München Schwabing behandelt im Jahr etwa 60 Wachkomapatienten. Wie sich ihr Zustand verändert oder nicht verändert, erlebt Dr. Herzog täglich: „Die Patienten bleiben zwischen sechs Wochen und sechs Monaten bei uns. Und da gibt es tatsächlich den einen oder anderen Patienten, der im Wachkoma zu uns kommt und die Klinik fast zu Fuß verlässt. Ja, das gibt es!“ Der Chefarzt möchte deshalb mehr über den Werdegang seiner Wachkomapatienten erfahren. Wie verändert sich ihr Zustand im Laufe der Monate und Jahre? Welche Therapien sind bei welchen Patienten am vielversprechendsten?
So haben die Schön Klinik München Schwabing und die Schön Klinik Bad Aibling zusammen mit der Universität München und Kollegen in Burgau im vergangenen Jahr ein großes Register ins Leben gerufen.: „KOPF“. Der Name steht für „Koma Outcome für Patienten in der Frührehabilitation“.

 

In Zukunft wird sich vieles verändern.

Fünf große Zentren tragen jetzt in das KOPF-Register die anonymisierten Daten ihrer Wachkomapatienten ein. Ziel ist es, jeden Patienten über mindestens zwei Jahre zu begleiten. So gewinnen die Mediziner durch die Daten vieler Patienten neue Erkenntnisse. Auch können sie endlich ihre bereits aufgestellten, eigenen Theorien belegen. „Aktuell haben wir schon mehrere 100 Patienten im Register erfasst“, so Dr. Herzog. Im Verlauf der nächsten Jahre sollen es mehr als 1000 werden. „Dann können wir tatsächlich viel, viel präzisere Aussagen treffen und auch die Angehörigen unserer Patienten viel besser beraten.“ Die Antwort auf die Frage „Was ist ein Wachkoma?“ muss dann möglicherweise überdacht werden.

 

Unser Interviewpartner.

 

Dr. Jürgen Herzog

Chefarzt Neurologische Rehabilitation und Frührehabilitation, Schön Klinik München Schwabing.

Profil von Dr. Jürgen Herzog

 

Schädel-Hirn-Trauma

Ein Schädel-Hirn-Trauma tritt in leichter (z.B. Gehirnerschütterung), mittlerer oder schwerer Verlaufsform auf.

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Schlaganfall

Schlagartig wird kein Sauerstoff mehr zum Gehirn transportiert. Schuld ist eine Blutung oder ein verstopftes Gefäß.

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