Sturzprophylaxe.

Gehen Sie raus. Fordern Sie sich. Haben Sie Spaß am Leben!

Stürze sind der Schrecken des Alters. Denn wer im mittleren Lebensalter noch im Vollbesitz seiner Kräfte ist, der kann beim Stolpern durch schnelle Reflexe gegensteuern – und Stürze vermeiden. Älteren Menschen fallen hingegen ungebremst und ungeschützt. Zumindest die meisten. Wer körperlich aktiv ist, lebt sicherer. Bewegung ist die beste Sturzprophylaxe überhaupt.

Doch selbst wer einmal unsanft auf dem Boden landet, muss wissen: Alles halb so schlimm! Brüche lassen sich behandeln. Wichtig ist, sich wieder aufzurappeln und aktiv zu bleiben. Ein Gespräch mit Dr. med. Florian Krug, Chefarzt der Unfallchirurgie der Schön Klinik Hamburg Eilbek.

 

Stürze im Alter – warum sind sie so gefürchtet?

Dr. Krug: Es gibt vor allem zwei negative Folgen eines Sturzes: die physischen, also wenn ich mir tatsächlich etwas breche und die psychischen, meist eine einschränkende Angst. Bei vielen älteren Menschen bleibt nach Stürzen, auch wenn nichts passiert, die Angst zurück. Diese Angst schränkt sie in ihrer Mobilität stark ein. Sie trauen sich nicht mehr auf die Straße, weil sie denken, wenn ich hinfalle, breche ich mir sofort etwas.

Kinder fallen ständig hin, aber das hat keine Konsequenzen. Erwachsene Menschen bewegen sich geübt und vermeiden Gefahrensituationen. Aber Ältere fallen – weil sie durch eine allgemeine Gebrechlichkeit eingeschränkter sind, weil sie schlechter sehen, hören und Kreislauf- und Stoffwechselprobleme hinzukommen.

 

Und als Konsequenz bewegen sich Ältere aus Angst vor Stürzen weniger?

Bewegung ist wichtig und die beste Sturzprophylaxe.

Bewegung ist wichtig und die beste Sturzprophylaxe.

Dr. Krug: Genau. Die Mindermobilisation führt in eine Spirale nach unten. Ein ganz wichtiges Ansinnen von uns Unfallchirurgen ist deshalb, dass wir den Leuten sagen: Wenn ihr hinfallt, dann können wir helfen. Wir sorgen dafür, dass ihr so bald wie möglich wieder auf die Beine kommt. Wer sofort wieder losmarschiert, verhindert dass er überhaupt in dieser Abwärtsspirale landet. Bewegung ist wichtig.

Wer sich nicht bewegt, hat auch schwächere Knochen. Wenn ein Knochen nicht belastet wird, dann baut er sich ab. Durch Bewegung bekommt der Bewegungsapparat Impulse, dass er benötigt wird und entsprechend werden Knochen und Gelenke vom Körper ernährt.

 

Ist Bewegung die einzige sinnvolle Maßnahme?

Ganz wichtig ist auch eine ausgewogene Ernährung.

Ganz wichtig ist auch eine ausgewogene Ernährung.

Dr. Krug: Nein, ganz wichtig ist auch eine ausgewogene Ernährung: Obst und Gemüse, gute Fette, Protein, Milch, Fleisch und kalziumreiche Produkte. Was wir viel sehen: Viele Mädchen trinken keine Milch, weil sie denken, dass sie davon zunehmen. Die trinken Cola und züchten sich so eine Osteoporose, weil das enthaltene Phosphat dem Körper Kalzium entzieht. Auch Magersüchtige haben oft Osteoporose wegen ihrer katastrophalen Ernährung: null Milchprodukte und zu viel Sport. Die kommen mit Ermüdungsbrüchen weil der Knochen porös ist und der Überlastung nicht standhält.

 

Was gehört sonst noch zur Sturzprophylaxe?

Dr. Krug: Sie sollten die Propriozeption schulen, das ist die Tiefenwahrnehmung des Körpers. Dazu gehören Reflexe und die Sensoren in den Gelenken, die dafür sorgen, dass ich nicht umfalle, wenn ich auf einem Bein stehe. Diese Wahrnehmung baut im Alter ab. Aber das kann man wunderbar trainieren. Auf einem Bein stehend Zähne putzen, ist eine effektive Sturzprophylaxe. Auch auf unebenem Boden kann man die Propriozeption schulen. Viele Menschen gehen nur auf Asphalt und stolpern bei der kleinsten Unebenheit. Gut ist, über ein Brett auf dem Boden zu balancieren. Das trainiert die Tiefensensibilität. Wenn Sie daneben treten, macht das nichts. Sie stehen ja nicht auf dem Hochseil.

 

Was kann ich sonst im Alltag tun?

Dr. Krug: Bewegen Sie sich. Wenn sie Treppen steigen statt den Fahrstuhl zu nehmen, dann ist schon eine Menge getan für Bewegungsapparat und Osteoporoseprophylaxe. Ideal ist ein Hund im Haushalt. Zum einen gehen Sie bei jedem Wetter spazieren und zum anderen macht das Spaß, weil der Hund dankbar ist. Spaß ist nicht zu unterschätzen.

 

Wenn ich aber immer schon ein Bewegungsmuffel war, was kann ich dann tun?

Sport sollte Spaß machen. Nordic Walking mit einer kleinen Gruppe im Wald ist zum Beispiel eine prima Sache.

Sport sollte Spaß machen. Nordic Walking mit einer kleinen Gruppe im Wald ist zum Beispiel eine prima Sache.

Dr. Krug: Anfangen! Anfangen mit einer vernünftigen Ernährung, mit einer Gewichtsreduktion, Diabetes in den Griff kriegen – denn das greift Augen, Nieren, Gefäße, Herz, Kreislauf an. Wer Gewicht verliert, baut Diabetes ab. Sie sollten die Propriozeption schulen, Spazieren gehen, Krafttraining dazunehmen, dann haben sie das Wesentliche getan. Das ist nicht schwer.

Ich würde nie sagen, dass die Leute nur noch Körner essen sollen. Sie sollen nicht zum Miesepeter werden. Wenn jemand gerne gut isst, dann soll er das machen und auch ein Glas Wein dazu trinken. Aber alles in Maßen. Auch Sport sollte Spaß machen. Nordic Walking mit einer kleinen Gruppe im Wald ist zum Beispiel eine prima Sache.

 

Soll ich meine Wohnung auf Sturzfallen durchchecken?

Dr. Krug: Es bringt mehr, auf sich selbst zu achten als auf die Wohnung. Gehen Sie zum Augenarzt, zum Ohrenarzt, bringen Sie das Gebiss in Ordnung, damit Sie vernünftig essen können,

Tolerieren Sie die vielen kleinen Einschränkungen des Alters nicht. Lassen Sie sich nicht gehen. Viele Menschen kommen zu uns wegen eines Sturzes, haben aber eigentlich 20 unbehandelte internistische Erkrankungen und Alterseinschränkungen

 

Also Selbstcheck statt Wohnungscheck?

Dr. Krug: Wenn man sich um seinen Körper kümmert, spielen Stolperfallen in der Wohnung keine Rolle. Trotzdem ist es sinnvoll, offensichtliche Fallen zu vermeiden – also etwa die dicke Teppichkante oder das Kabel auf dem Boden und quer durch den Raum.

 

Haben Sie einen letzten Tipp?

Dr. Krug: Die Leute sollen sich etwas trauen und wenn sie auf die Nase fallen, bringen wir das schon in Ordnung. Vor einer Fraktur sollen sie keine Angst haben und sich vor allem nicht zurückziehen. Gehen Sie raus. Fordern Sie sich. Haben Sie Spaß am Leben!

 

Gebrechlichkeit

Gebrechlichkeit ist eine Folge hohen Alters. Typisch sind beispielsweise veminderte körperliche Leistungsfähigkeit und Kraftverlust.

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Osteoporose

Die auch Knochenschwund genannte Krankheit ist ein echtes Volksleiden und gehört zu den häufigsten Erkrankungen des Alters.

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