Haben Sie heute schon gefaulenzt?

Welt-Faulenzertag

Welt-Faulenzertag

 

Es gibt viele sinnige und unsinnige sogenannte Jahrestage. Aber braucht es allen Ernstes einen Welt-Faulenzertag?  "Dringend!", sagt Dr. Michael Svitak, Leitender Psychologe der Psychosomatischen Klinik Bad Staffelstein, "denn immer weniger Menschen, wissen wie das geht."

 

Faulenzen. Das Gegengewicht zu "sich Stress machen"

Faulenzen ist das Gegenteil von sich Stress machen, sich anstrengen, Druck machen. Die meisten von uns würden sicher spontan zustimmen, dass wir vom Stress im Alltag, Schule und Beruf genug haben. Eine Pause von Leistung einlegen können, faulenzen, loslassen, einfach nur sein, ist eine wichtige Fähigkeit in Zeiten, in denen alles schneller und verdichteter wird. Faulenzen ist das, was AdBlue für Diesel ist: das Gegenmittel zum Stresserleben, zum Druck. Faulenzen ist dabei eine angemessene und gesunde Reaktion. Wo Faulenzen verboten ist, können im ungünstigsten Fall Komasaufen, Drogenkonsum oder eine Depression die Folge sein. Schon Winston Churchill hat erkannt, dass nur derjenige sich anstrengen, Leistung bringen und Verantwortung tragen kann, der gut darin ist, zu faulenzen. Deswegen hat er sein Leben lang nicht auf seinen Mittagsschlaf verzichtet. Die Fähigkeit zu Faulenzen ist heute gefragter denn je, denn nicht umsonst boomen Achtsamkeits-Bücher, Yoga-Kurse und werden Mandalabücher gekauft, sprechen Kinder und Jugendliche vom Chillen und Abhängen als Freizeit-Aktivität. Diese Trends zeigen, was unserer Gesellschaft dringend fehlt.

 

Warum ist Faulenzen heute so wichtig?

Faulenzen fördert die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Faulenzen kann man auch als loslassen, auskuppeln, entkoppeln vom Alltag sehen oder als reales "Offline gehen". Faulenzen zeigt an, dass unsere Psyche noch flexibel agiert, also zwischen An- und Entspannung flexibel wechseln kann, je nach dem, was gerade gefragt ist. Zeitforscher stellen fest, dass uns diese wichtige Aus-Zeit abhanden gekommen ist. Kaum jemand sitzt mehr an der Bushaltestelle und schaut einfach den Wolken zu. Man verschickt Mails und Nachrichten, checkt die Börsenkurse - man ist also ständig am "Leisten". Der moderne Mensch hat immer mehr Erlebnis pro Zeiteinheit und kann immer weniger dagegensetzen, so dass die vielen Erlebnisse, Eindrücke, Nachrichten und Informationseinheiten nicht wirklich emotional verarbeitet werden können. Der Berg der nicht recycelten Gedanken und Gefühle wächst an und kann zu Überforderungssyndromen führen.

 

Faulenzen sieht nur nach "Nichts tun" aus.

Während wir faulenzen, arbeitet unser Körper auf Hochtouren, baut Stress ab, repariert, räumt auf. Rein biologisch ist das Faulenzen, das Runterfahren und Loslassen wichtig für viele Regenerations- und Selbstregulationsprozesse des Körpers und der Psyche.

Im "Leistungsmodus" schütten wir Adrenalin und Cortisol aus. Unser Sympathicus-Nerv ist aktiv. Auf Dauer führt dies zu Verspannungen, Schlafstörungen, Bluthochdruck. Im "Faulenzmodus" sorgt unser Parasympathikus für wertvolle Aufräumarbeiten und Regenerationsprozesse im Körper. Gesunde und leistungsfähige Menschen haben die Gabe, schnell zwischen „Leistungsmodus“ und "Faulenzmodus“ hin und her zu wechseln (siehe Barak Obama). Damit bleibt die Stressachse flexibel und der Stress wird in kleinen Portionen abgebaut. Dauerstress dagegen wird als Ursache für körperliche Erkrankungen und für die Entwicklung von Depression angesehen. 

 

Gemeinsam Faulenzen schafft Geborgenheit

Beim gemeinsamen Faulenzen kommt noch die soziale Komponente dazu, also das Gefühl der Verbundenheit mit anderen. Diese führt dazu, dass Oxytocin ausgeschüttet wird. Ein Hormon, das den Stressabbau beschleunigt und Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit erzeugt. Mit der Familie auf der Couch herum lungern und das süße Nichts tun genießen, ist psychologisch gesehen ein Schutzfaktor, der das Immunsystem stärkt und vor Stresserkrankung und Depressionen schützt.

Wenn Ihnen Ihre Kinder am Herzen liegen, dann seien Sie ein Vorbild was das Faulenzen anbelangt und freuen Sie sich, wenn Ihre Kinder diese immer wichtiger werdende Kompetenz lernen und regelmäßig einüben. Auf das Leben gesehen, ist diese Kompetenz ebenso wichtig (oder wichtiger), als ein Instrument zu lernen.  

 

Lernen Sie wieder zu faulenzen

Faulenzen bedeutet nicht "Nichts tun", sondern ist ein aktiver Prozess sich in einen Modus zu bringen, in dem richtige Aufräumarbeiten im Körper erledigt werden. Wir Menschen verbringen viel Zeit damit, unsere Wohnung oder den Garten in Ordnung zu halten, halten aber die Aufräumarbeiten, die beim Faulenzen erledigt werden, für verzichtbar.  Würden Sie Ihre Kinder tadeln, wenn sie ihr Kinderzimmer aufräumen? Wohl kaum. Darum tadeln Sie sich nicht, wenn Sie sich innerlich aufräumen.

 

Faulenzen wird oft auch zum Synonym für "sich drücken“, "nichtsnutzig“ sein

Es ist wie immer eine Frage der Dosis. In unserer Leistungsgesellschaft wird Faulenzen zum knappen Gut geworden und droht in Vergessenheit zu geraten. In modernen Therapien nimmt der Achtsamkeitsanteil stetig zu und wir Therapeuten müssen erkennen, dass Patienten den Zustand des „Seins“ überhaupt nicht mehr kennen und erst mühsam lernen müssen.   

 

Heute schon gefaulenzt? Von der "To Do“-Liste zur "To be”-Liste

Am Anfang steht die Erkenntnis, dass mehr von allem nicht immer gut ist. Der Dauerberieselung und Zerstreuung können Sie ein Gegengewicht setzen: Besinnung, Konzentration, Ruhe, Achtsamkeit. Wenn man die Wichtigkeit und den Nutzen erkannt hat, kann man sich das Faulenzen leichter erlauben. Überprüfen Sie, ob Sie jeden Tag Zeiten haben, vom Leistungsmodus in den Regenerationsmodus zu schalten. Dort wo Sie gerade sind, einfach nur mal Tagträumen. Begrenzen Sie Zeiten, in den Sie „online“, verfügbar, aktiv sind. Definieren Sie Zeiten, die Ihnen heilig sind und in denen Sie nur „sind“.  Viele Angebote wie Yoga, Achtsamkeit, Meditation haben erkannt, wie wichtig diese Kompetenz ist, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. Kurse können helfen, den Einstieg zu finden.  Wenn Sie sich eine To-do-Liste machen, machen Sie auch eine To-be-Liste. Schreiben Sie sich jeden Tag drei Dinge auf, die Sie heute sein wollen. Überprüfen Sie am Abend, ob Sie es waren, zum Beispiel ausgeruht, verspielt im Umgang mit Ihren Kindern, geduldig mit sich selbst.