30 Jahre Schön Klinik Roseneck – 30 Jahre Essstörungstherapie.

Feiert ihr 30-jähriges Jubiläum: die Schön Klinik Roseneck.

Feiert ihr 30-jähriges Jubiläum: die Schön Klinik Roseneck.

1985 eröffnete die Schön Klinik in Prien am Chiemsee ihre erste psychosomatische Klinik. Die Schön Klinik Roseneck war die erste Klinik in Deutschland, die ein spezialisiertes stationäres Behandlungskonzept für Patienten mit Essstörungen entwickelt hat. Essgestörte waren auch die ersten Patienten, die in der Klinik behandelt wurden. Seit ihrer Eröffnung vor 30 Jahren hat die Klinik ca. 61.000 Patienten behandelt. Heute behandelt die Schön Klinik Roseneck Patienten mit verschiedensten psychosomatischen Erkrankungen, aber bis heute ist die Therapie von Essstörungen ein Schwerpunkt der Klinik. In den drei Jahrzehnten hat sich in der Therapie von Essstörungen viel getan. Neue Erkenntnisse verbesserten die Behandlung. Aber auch die Gesellschaft hat einen Wandel durchgeführt, die sich auf die Entstehung und Behandlung der Essstörungen auswirkt.

 

Essstörungstherapie – früher und heute.

Auf einen ersten Aufruf im Jahr 1984 im Rahmen einer Illustrierten für ein Forschungsprojekt haben sich tausende Betroffene mit Bulimie gemeldet. Allein dies zeigt, dass es vor 30 Jahren kaum Versorgungsstrukturen für Patienten mit Essstörungen gab. Mit den zunehmenden Kenntnissen durch wissenschaftliche Studien und auch durch die langjährige klinische Erfahrung wurden die Therapiekonzepte immer weiter verbessert und verfeinert. Dazu hat auch die laufende wissenschaftliche Evaluation der Behandlungsergebnisse und die stete Evaluation der Therapiekonzepte durch Rückmeldungen der Patienten wesentlich beigetragen. In den vergangenen 30 Jahren gab es daher einen enormen Erkenntniszuwachs zur Wirksamkeit sowohl von Psychotherapie als auch der Pharmakotherapie von Essstörungen.

 

Was hat sich seit damals geändert?

Die Lehrküche ist heute ein Standard-Therapieelement.

Die Lehrküche ist heute ein Standard-Therapieelement.

Viele Elemente der heutigen Essstörungsbehandlung wie z.B. ein intensives Lehrküchen-Konzept, verschiedene Therapiestrategien zur Verbesserung der Körperakzeptanz oder eine therapeutische Essbegleitung bei möglichst allen Mahlzeiten, waren damals noch kaum etabliert. Auch gab es sehr viel weniger Versorgungsangebote wie Beratungsstellen, therapeutische Wohngemeinschaften wie ANAD oder das Therapienetz München, die auch zum Teil von früheren Mitarbeitern der Schön Klinik Roseneck oder durch die Schön Klinik Roseneck selbst gegründet bzw. ins Leben gerufen wurden. „Für eine erfolgreiche Therapie ist eine intensive Vernetzung zwischen den verschiedenen Versorgungsangeboten sehr wichtig. Auch diesbezüglich gab es große Fortschritte in den letzten Jahren, ebenso wird die weitere Intensivierung der Vernetzung ein Thema der Schön Klinik sein“, erläutert Prof. Dr. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck.

Dr. Silke Naab, Chefärztin und Leiterin der Jugendabteilung der Schön Klinik Roseneck, ergänzt: „Eine Erkenntnis der vergangenen 15 Jahre war auch die Bedeutung und Wirksamkeit der Familientherapie, die ursprünglich in England ihren Ausgang genommen hat und mittlerweile zu einem festen Element im stationären und ambulanten Therapiekonzept bei Jugendlichen geworden ist.“

 

Das Verständnis der Krankheit und sein Wandel.

Das Verständnis der Krankheit hat sich im Laufe der Zeit verändert. Das biopsychosoziale Modell, welches von allen Therapierichtungen heute anerkannt wird, geht von biologischen Faktoren (genetische Einflüsse), psychologischen Faktoren (Unsicherheit, Ängstlichkeit, Perfektionismus) und sozialen Faktoren (ungünstige familiäre Interaktionen, Leistungsdruck) aus, so dass in der Regel nicht ein einziger Faktor für die Entstehung maßgeblich ist. Der Umgang mit der Erkrankung ist offener geworden wie bei vielen psychischen Erkrankungen, wozu auch die Aufklärung in der Bevölkerung beigetragen hat.

 

„Die Gesellschaft verlangt heute viel mehr als früher.“

Beruflicher oder schulischer Druck ist ein Risikofaktor für eine Essstörung.

Beruflicher oder schulischer Druck ist ein Risikofaktor für eine Essstörung.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es in unserer Gesellschaft erhebliche Veränderungen. Der Leistungsdruck ist in vielen Bereichen wie Schule, Ausbildung aber auch innerhalb des Berufes angestiegen und ist sicherlich ein Risikofaktor, der ein Grund für die in den letzten Jahrzehnten stark gestiegenen Krankschreibungs- und Frühberentungsraten auf Grund psychischer Erkrankungen darstellt. Auch soziale Strukturen wie Familienzusammenhalt, Migration und vieles andere haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Dies kann bei empfindsamen Jugendlichen zu vermehrter Verunsicherung beitragen und belastend wirken und somit die Entwicklung psychischer Probleme, wie z.B. auch eine Essstörung, begünstigen.

 

Was hat die jungen Frauen früher in die Essstörung getrieben, was heute?

„Die Ursachen der Essstörungen dürften sich nicht verändert haben. Man geht davon aus, dass viele Faktoren ursächlich eine Rolle spielen. Darunter sind unter anderem erbliche Faktoren, eine erhöhte Ängstlichkeit und ein niedriges Selbstwertgefühl, sowie Umweltfaktoren wie z.B. das soziale Umfeld etc.“, erklärt Prof. Voderholzer. Und weiter: „Die frühere Hypothese, dass vielfach die Mütter Schuld sind, hat sich in wissenschaftlichen Studien nicht bestätigen lassen. Essstörungen stellen für Familien eine große Belastung dar, aber inzwischen weiß man, dass eine gute Unterstützung der Familie im Rahmen einer Familientherapie zum Heilungsverlauf beitragen kann.“

 

Unterschiede in den sozialen Schichten.

Grundsätzlich sind alle Schichten betroffen, Adipositas und Binge Eating Störung finden sich aber etwas häufiger in unteren sozialen Schichten, während die Magersucht in höheren sozialen Schichten etwas häufiger vorkommt. Grundsätzlich haben in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts Essstörungen in der Gesellschaft dramatisch zugenommen. Hier hat sicherlich der Nahrungsüberfluss eine große Rolle gespielt, denn in Ländern mit Nahrungsmangel kommen Essstörungen sehr viel seltener vor.

 

Schlankheitswahn in den Medien.

Der Einfluss der Medien spielt seit jeher eine Rolle. Bereits in den 60er Jahren konnte dies beobachtet werden, als Twiggy - ein Magermodel -ein neues Schlankheitsideal verkörpert hat. Natürlich waren die Medieneinflüsse damals geringer. Heute hat der Medieneinflussdurch die Ausweitung des Fernsehens und auch insbesondere durch das Internet massiv zugenommen. Man denke nur an Heidi Klum und ihre Sendung: „Germanys next Topmodel“, die junge, hübsche, schlanke Frauen propagiert und einen großen Einfluss auf Jugendliche hat. Ein relativ neues Phänomen im Zuge des Internets sind die sogenannten “Pro-Ana“-Foren, in denen ein anorektisches Körperideal angestrebt wird. Prof. Voderholzer mildert aber ab: „Man darf Medieneinflüsse nicht ausschließlich negativ sehen. Das Internet und das Fernsehen bieten auch die Möglichkeit einer positiven Information und Aufklärung über das Krankheitsbild und tragen auch zur Entstigmatisierung bei, was sich wiederum in eine erhöhte Behandlungsbereitschaft auswirkt.“

 

Der Einfluss sozialer Netzwerke.

Cybermobbing ist psychisch hoch belastend und kann viele junge Frauen in die Essstörung treiben.

Cybermobbing ist psychisch hoch belastend und kann viele junge Frauen in die Essstörung treiben.

Soziale Medien habe eine immense Bedeutung insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gewonnen. Was in den sozialen Netzwerken kommuniziert wird, ist inzwischen schwer kontrollierbar und unüberschaubar. Wenn vor 30 Jahren die Tochter einen Telefonanruf einer Freundin erhielt, haben dies Eltern meist mitbekommen. Heute spielen sich viele soziale Interaktionen im Verborgenen ab. Negative Interaktionen wie Mobbing in sozialen Netzwerken (Cybermobbing) können massiv psychisch belasten und mit zur Entstehung psychischer Störungen bei Jugendlichen beitragen. „Vielleicht liegt hier auch ein Grund, dass die Erkrankten immer jünger werden und ihre Zahl weiter ansteigt“, vermutet Dr. Naab.

 

Essstörungen waren früher kaum ein Medienthema.

Essstörungen waren vor 30 Jahren in den Medien bei Weitem nicht so präsent wie heute, und die Erkrankungen waren insgesamt weniger bekannt. Prominente Personen, wie unter anderem Lady Diana sowie der Formel 1 Rennfahrer David Coulthard, die öffentlich über ihre Bulimie berichteten, trugen aber zur Bekanntmachung und Entstigmatisierung bei.

 

Der Erkrankungsbeginn hat sich geändert.

Essstörungen sind am häufigsten zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr. „Bemerkenswert ist, dass sich der Beginn der Magersucht offensichtlich um mehrere Jahre vorverlagert hat, von etwa 17 Jahren auf mittlerweile 14 Jahre, und es gibt eine Tendenz, dass Essstörungen in einem immer jüngeren Alter auftreten“, weiß Dr. Naab. Auch dies hat möglicherweise verschiedene Ursachen. Kinder und Jugendliche haben heute zu einem sehr viel früheren Lebensalter Zugang zu Informationen aus den sozialen Medien. Die körperliche Reifung (Menstruation) tritt nachgewiesenermaßen zu einem früheren Lebensalter auf und auch die gesellschaftlichen Einflüsse wie Leistungsdruck in der Schule, werden schon zu einem früheren Lebensalter erlebt. Dieses Phänomen passt zu einem allgemeinen Phänomen in unserer Gesellschaft, die von Soziologen als „Beschleunigung in allen Lebensbereichen“ bezeichnet wurde.

 

Unsere Experten.

Prof. Dr. Ulrich Voderholzer

Ärztlicher Direktor & Chefarzt des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Roseneck.

Profil von Prof. Dr. Ulrich Voderholzer

 

Dr. Silke Naab

Chefärztin des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Roseneck.

Profil von Dr. Silke Naab