Ein Pionier auf dem Gebiet der Dialyse-Shuntanlage im Interview

Dr. Tobias Steinke

Dr. Tobias Steinke

Menschen mit schweren Nierenerkrankungen und eingeschränkter Nierenfunktion sind auf eine Blutreinigung außerhalb des Körpers angewiesen – die Dialyse.

Normalerweise ist für eine Dialyse eine Operation nötig, um die Venen auf die Blutwäsche vorzubereiten. In den letzten 50 Jahren gab es auf diesem Gebiet keine nennenswerten Innovationen, erst 2014 wurde eine neue und minimal-invasive OP-Technik entwickelt, die nach klinischen Studien seit 2016 auch im normalen Klinikbetrieb angewendet wird. Dr. Tobias Steinke, Chefarzt der Gefäßchirurgie der Schön Klinik Düsseldorf, ist einer der wenigen europaweit, der die endovaskuläre interventionelle Shuntanlage nach dem „EverlinQ-Verfahren“ anwendet.

 

Lieber Herr Dr. Steinke, Sie zählen zu den Pionieren des neuen Verfahrens zur Shuntanlage bei Dialysepatienten – erzählen Sie kurz, was das besondere an der Methode ist?

Normalerweise werden Dialysepatienten lange, bevor die erste Dialyse durchgeführt werden kann, operiert. Dabei wird am offenen Unterarm eine Arterie an eine Vene angenäht, um das Blut aus dem tiefen in das oberflächliche Gefäßsystem umzuleiten. Dies ist zwingend notwendig, damit die oberflächliche Vene eine ausreichende Größe erreicht (sogenannte Shuntreifung), um später für die Dialyse unmittelbar unter der Haut punktiert werden zu können.

Eine Besonderheit an der neuen Methode ist, dass mit der endovaskulären Technik die Größe der Gefäßverbindung immer gleich ist, weil immer auf gleiche Art die Verbindung zwischen der Arterie und der Vene hergestellt wird. Das unterscheidet sich deutlich zu den mehr individuell geprägten operativen Entscheidungen und Anastomosengrößen bei der klassischen Standard-Shuntanlage, wie oben beschrieben.

 

Worin liegt der Vorteil für die Patienten?

Es handelt sich bei der endovaskulären Technik um eine minimal-invasive Operation. Durch einen kleinen Schnitt unterhalb des Ellenbogens werden zwei Katheter eingeführt. Die Katheter ziehen sich durch Magnete gegenseitig an. Ein Katheter enthält ein winziges, nur millimetergroßes Messer, das an einem bestimmten Punkt ausgefahren wird. Mit Hilfe eines Stromstoßes  durchtrennt es Vene und Arterie, die anschließend miteinander verbunden werden. Dadurch werden die typischen operativen Zugangskomplikationen vermieden. Diese bestehen im Wesentlichen aus Wundheilungsstörungen, Schädigung von Nerven, die sich in unmittelbarer Nähe der Gefäße befinden, Narbenbildung und anastomosennahen Stenosen. Die Erfolgsquote der klassischen Shuntanlage liegt bei nur rund 40 bis 50 Prozent – oft verstopfen die Shunts oder verschließen sich. Der Patient muss dann erneut an einer neuen Stelle am Arm operiert werden. Das kann oft mehrmals im Jahr der Fall sein, ein Zustand, der bisher so in Kauf genommen werden musste. Die Erfolgsquote des neuen Verfahrens, das seit 2015 angewendet wird, liegt bei fast 100 Prozent, da die spezifischen Risiken und Folgen des operativen Eingriffs wegfallen.

 

Welche Patienten kommen für die neue Methode in Frage, braucht es bestimmte Voraussetzungen?

Grundsätzlich kommen zunächst einmal alle Patienten in Betracht, die auch für die klassisch chirurgische Shunt-Anlage in Frage kommen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass bei Patienten, die für eine endovaskuläre Shuntanlage in Frage kommen, die sogenannte Verbindungsvene (Perforans-Vene) zur Verfügung stehen muss, da ansonsten eine Umleitung des Blutes aus dem tiefen Venensystems in das oberflächlichen Venensystem nicht möglich ist.

 

Wie sind Sie auf die endovaskuläre Technik aufmerksam geworden? Seit wann verwenden Sie das Verfahren?

Seit etwa 25 Jahren beschäftige ich mich mit Gefäßzugängen zur Dialyse für multimorbide Patienten und bin stets auf der Suche nach einer Optimierungsmöglichkeit für gängige operative sowie innovative Verfahren. Durch stetigen nationalen und internationalen Austausch werden hierzu von engagierten Kollegen Verfahren und Ideen zur Optimierung der Schaffung eines Dialysezugangs zusammen getragen. Dieser Austausch hat dazu geführt, dass ich im Jahre 2014 das endovaskuläre Verfahren kennen gelernt und letztlich in unserer Klinik im Jahre 2015 etabliert habe.

 

Sie forschen außerdem an weiteren neuen Verfahren. Können Sie einen kleinen Einblick geben, worum es dabei geht und wie das Forschungsteam zusammengesetzt ist?

Alle innovativen Verfahren unterliegen Entwicklungsprozessen, die unter anderem in der technologischen Weiterentwicklung der Materialien und auch der Prozeduren liegen. Neue Erkenntnisse zum Verfahren selbst und zum optimierten Ablauf entstehen erst durch die Anwendung der Verfahren bei Patienten, so dass weitere Entwicklungsschritte oft in einer zukunftsgerichteten Diskussion zwischen den Operateuren, den Produktentwicklern und den Medizintechnikern entstehen.
Optimierungsmöglichkeiten endovaskulärer Verfahren bestehen dabei häufig im Durchmesser und im Design der verwendeten Katheter, so wie auch in der Konzeption der Schneideelektrode. Die Weiterentwicklung der Katheter mit optimierten Materialien ermöglicht es darüber hinaus neue Einsatzmöglichkeiten und Zugangswege zu überdenken.

Dieser Prozess unterliegt einem ständigen Austausch von Informationen und Erfahrungen, die zwischen den beteiligten Ärzten und Produktentwicklern stattfinden. In unserem speziellen Fall besteht das Team aus europäischen Gefäßchirurgen (z. B. Professor Schmitz-Rixen, Uni Frankfurt; Dr. Arne Schwindt, Uni Münster; Professor Hoffmann, Uni Dresden sowie Doktor Nicholas Inston, Consultant Surgeon des Queen Elisabeth Hospitals in Birmingham).

Darüber hinaus besteht ein kontinuierlicher Austausch mit internationalen Kollegen wie Jesse Rios (Texas Heart Institut, Houston), Kollegen der technischen Abteilung von TVA Medical (Austin, Texas) sowie dem Erfinder des endovaskulären Verfahrens William Cohn (ehemals Texas Heart Institut, Houston, jetzt Johnson & Johnson Research Center, Houston).

 

Herzlichen Dank für das Interview!