Wie schützt man sich vor Bodyshaming?

Bodyshaming im Netz

"Wie siehst Du denn aus?" Solche Kommentare findet man in den Sozialen Netzwerken immer öfter unter Fotos. Im Netz ist die Hemmschwelle geringer und manche scheinen sich darin bestärkt zu fühlen, andere und ihren Körper zu beleidigen. Das Phänomen nennt sich Bodyshaming. Dr. Christian Stierle, Diplompsychologe aus der Schön Klinik Bad Bramstedt, erklärt, was dahinter steckt und wie man sich davor schützen kann.

 

Dr. Stierle, was genau meint man mit dem Begriff "Bodyshaming"?

Dr. Stierle: Bodyshaming bedeutet, dass Menschen aufgrund von körperlichen Merkmalen diskreditiert und öffentlich diffamiert, beleidigt oder gehänselt werden und auf körperliche Merkmale reduziert werden.

 

Wer ist besonders betroffen?

Dr. Stierle: Grundsätzlich kann jeder betroffen sein. Häufig trifft es junge Frauen, aber auch zunehmend Männer. Die Definition von Selbstwert über Aussehen und körperliche Merkmale scheint jedoch generell an Bedeutung gewonnen zu haben (nicht nur bei jüngeren Menschen). Sicherlich gibt es aber geschlechtsspezifische Schönheitstrends, z.B.  „Thigh gaps“ bei Frauen oder „Skinny fat“ bei Männern.

 

Welche Rolle spielen die heutigen Schönheitsideale dabei?

Dr. Stierle: Ich denke, diese sind von hoher Bedeutung, auch wenn soziale Vergleichsprozesse sowie die Themen Attraktivität und Schönheit schon seit jeher eine wichtige Rolle im Zusammenleben spielen (alleine schon evolutionspsychologisch). Insbesondere die zunehmende „Verschlankung“ des Schönheitsideals inkl. der Veränderung von Kleidergrößen und Schnittmustern (slim fit, size zero) ist sehr kritisch zu sehen. Ferner gibt es einen starken Trend zur Selbst-Optimierung. Zum Beispiel durch exzesives Training, six-packs, geringen Körperfettanteil auch bei Männern.

 

Warum gibt es das Phänomen Bodyshaming?

Dr. Stierle: Vergleiche mit anderen sind wahrscheinlich genetisch prädisponiert. Einflüsse auf diese abwertenden und diskriminierenden Verhaltensweisen sind jedoch sicherlich Trends zur Selbst-Optimierung und vor allem auch zur Selbstinszenierung (man bekommt im Netz einfach sehr schnell Feedback von vielen Leuten, die sich ansonsten kaum um einen „kümmern“ würden). D.h. dies vermittelt wahrscheinlich ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Bedeutsamkeit. Ferner ist das Feedback quasi beeinflussbar, da ja nicht jedes Foto/Selfie einfach gepostet wird, das heißt, man kann sein von außen gespeist werdendes Selbstwertgefühl indirekt beeinflussen. Hier sind sicherlich auch Photoshop und weitere Bearbeitungsprogramme etc. zu nennen. Einflüsse von Instagram, Snapchat, Facebook und Tinder spielen hier eine große Rolle.
Es gibt ferner erste Studien, die eine Radikalisierung von Meinungen in den sozialen Medien benennen. Hier sind schnell Kommentare gemacht, die quasi anonym sind und bei denen unmittelbare negative Konsequenzen meist ausbleiben. Häufig wird auf solche Kommentare gelacht (auch in der nicht virtuellen Welt). Auch ist man in der Regel nicht mit den negativen emotionalen Konsequenzen für das Opfer konfrontiert. So kann man über eine Abwertung anderer Personen zu einer leichten Aufwertung der eigenen Person kommen. Parallel scheint dieses Phänomen möglicherweise auch auf einen Wertmangel und ein Fehlen von gesellschaftlichem Mitgefühl hinzudeuten.

 

Was kann Bodyshaming bei Betroffenen auslösen?

Dr. Stierle: Bodyshaming hat für die Betroffenen stets starke, emotional negative Konsequenzen. Menschen fühlen sich in der Regel verletzt, beschämt und hilflos gegenüber solchen Kommentaren, insbesondere wenn andere Menschen darüber mitlachen. Bei manchen Menschen triggern diese Kommentare zusätzliches Schamerleben und starke Selbstkritik und Schulderleben („Warum bin ich auch so dick/hässlich....".) Je nach Intensität/Häufigkeit und dem Zusammenspiel mit anderen prädisponierenden Faktoren können Bullying-Erlebnisse die Entstehung von psychischen Störungen wie Körperdysmorphen Störungen, Sozialen Angststörungen, Essstörungen beeinflussen und begleiten (sicherlich nicht als der einzige Faktor sondern vielmehr mehr im Sinne eines Bio-Psychosozialen Störungsverständnisses). Parallel nimmt Bodyshaming einen Einfluss auf die Kultur des Zusammenlebens und des Mitgefühls füreinander.

 

Wie kann man sich gegen das Bodyshaming wehren?

Dr. Stierle: Wenn möglich, sollten Betroffene mit Ihren Erfahrungen nicht alleine bleiben, sondern sich guten Vertrauenspersonen (ggf. Eltern, Freunden, Lehrern, Therapeuten, Beratungsstellen etc.) anvertrauen. Wichtig wäre in vielen Fällen, solche Diskriminierungen nicht einfach hinzunehmen und für richtig stehen zu lassen. Das kann in manchen Fällen aber auch ggf. juristisches Vorgehen bedeuten. Bei anhaltenden Sorgen und Problemen können hier natürlich auch professionelle Hilfsangebote wie z.B. Psychotherapie sinnvoll und hilfreich sein. Des Weiteren sollte ein solches Verhalten in Organisationen (Schule, Arbeitsplatz etc.) thematisiert und sanktioniert werden, hier ist eine klare Zero-Tolerance-Policy wichtig. Ähnliches gilt auch im Sinne der Zivilcourage, sofern man ein solches Verhalten selbst beobachtet. Betroffene benötigen in solchen Situationen soziale Unterstützung. Hier sind sicherlich auch die Betreiber der sozialen Netzwerke gefragt. Gesellschaftlich und medial wäre es hilfreich, mehr Diversivität zu fördern und nicht Frauen mit durchschnittlicher Figur bereits als Plus-Size Modell zu bezeichnen.