Vernissage: Falsche Idealmaße fördern Entwicklung von Essstörungen

Initiative warnt vor "Schönheit um jeden Preis"

Besucher betrachten in Hamburg die Gemälde

Besucher betrachten in Hamburg die Gemälde

Hamburg, November 2011.  Abgemagerte Frauen statt Rubenskörper: Die Initiative „Schönheit – ein Ideal?“ hat am Dienstag, 22. November, in den Räumen des Bucerius Kunst Forums eine Sonderausstellung gezeigt. Sie kontrastierte historische Gemälde mit heutigen Schönheitsidealen und lenkte so die Aufmerksamkeit auf die steigende Zahl junger Mädchen und Frauen, die an Magersucht erkranken. Initiatoren waren Waage e.V., das Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg, die Therapeutische Wohngruppe ANAD und die Schön Klinik. Experten schätzen, dass deutschlandweit etwa eine halbe Million Mädchen und Frauen unter Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brechsucht (Bulimie) leiden.

Immer mehr junge Männer betroffen

Bilder, die provozieren sollen: eine Vernissage mit Motiven von Ogilvy

Bilder, die provozieren sollen: eine Vernissage mit Motiven von Ogilvy

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Gemälde, initiiert von der Werbeagentur Ogilvy. Nach historischen Motiven neu gestaltet, zeigen sie lebensbedrohlich abgemagerte Frauen. Die Kampagne hat bereits international für Aufsehen gesorgt und zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem in Cannes. „Die Gemälde sollen bewusst provozieren und darauf aufmerksam machen, dass heutige Idealmaße wie ‚Size Zero‘ mit einem gesunden Essverhalten unvereinbar sind“, sagte Andreas Schnebel. Der Diplom-Psychologe betreut in seinen Therapeutischen Wohngruppen immer öfter auch junge Männer mit Essstörungen. Versuchen Frauen, ihr Gewicht vor allem über Diäten zu regulieren, betreiben erkrankte Männer vielfach exzessiv Sport.

Mediziner: Patienten mit Essstörungen werden immer jünger

Ein Motiv von Remus Grecu - nach einem Gemälde von Manet

Ein Motiv von Remus Grecu - nach einem Gemälde von Manet

In einer Podiumsdiskussion zeigten sich Mediziner wie Professor Bernd Löwe, Chefarzt der Schön Klinik Hamburg Eilbek und Lehrstuhlinhaber für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, besorgt: „Wir erleben, dass das Erkrankungsalter für Magersucht und andere Essstörungen sinkt“, so Professor Löwe. „Immer mehr Mädchen sind bereits am Anfang der Pubertät betroffen. Es gibt zwei Erkrankungsgipfel um das vierzehnte und siebzehnte Lebensjahr.“ Barbara Sturm von Waage e.V., dem Hamburger Fachzentrum für Essstörungen, warnte, dass sich junge Frauen in der Identitätssuche an falschen medialen Vorbildern und vermeintlichen Idealmaßen orientieren: „Werbung und Schönheitsideale in den Medien beeinflussen gerade junge Menschen.“ Laut Robert-Koch-Institut zeigt bereits jeder fünfte Jugendliche ein auffälliges Essverhalten.

Geringes Selbstwertgefühl spielt eine Rolle

Warum Menschen magersüchtig werden, erklärten Experten mit einem Zusammenspiel aus sozialen, aber auch psychischen und genetischen Faktoren. „Am Anfang zeigen unsere Patienten oft ein geringes Selbstwertgefühl und eine emotionale Unzufriedenheit, die für sie unlösbar erscheinen. Das Schlanksein vermittelt ihnen ein Gefühl der Kontrolle über diese Unzufriedenheit und sie erleben eine Form der Anerkennung, die sie sonst nicht bekommen“, berichtete Dr. Bernhard Osen, Chefarzt in der Schön Klinik Bad Bramstedt. Gefährdet sind Menschen in jenen Lebensphasen, in denen die Identität in Frage gestellt oder neu definiert werden muss. Das kann die Pubertät sein oder der Beginn einer Ausbildung. In den Psychosomatischen Krankenhäusern der Schön Klinik werden immer wieder auch ältere Frauen rund um die Wechseljahre behandelt. Im Fachzentrum für Essstörungen Waage e.V. erklärt man das mit den „vielfältigen und widersprüchlichen Ansprüche an die Rolle der modernen Frau“.

"Einstiegsdroge" Diät

Mehr Aufklärung bereits in den Schulen und eine Sensibilisierung von Familien und Unternehmen für die Brisanz von Essstörungen – das forderten die Initiatoren von „Schönheit – ein Ideal?“. Auch sollten Therapieangebote besser vernetzt werden, um den Betroffenen von der Erstberatung über die Therapie bis zur Nachsorge eine konsequente Behandlungskette anzubieten. Kontrovers wurde unter den Experten über Diäten, aber auch TV-Sendungen wie „Germany’s Next Top Model“ diskutiert. „Es wäre verkehrt, allein Werbung, Mode und Medien für die wachsende Zahl von Essstörungen verantwortlich zu machen, aber über die ‚Einstiegsdroge‘ Diät versuchen Frauen, sich diesen Idealen anzunähern“, sagt Andreas Schnebel. „Wir brauchen in der Öffentlichkeit mehr Bewusstsein für die Gefahren einer Scheinwirklichkeit.“

 

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Zander

Maike Zander

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